Annes beste Freundin
Die Niederländerin Jacqueline van Maarsen setzt sich für das Gedenken an Anne Frank ein  

Von Jutta Oster

Es ist die Geschichte einer Freundschaft, die nur ein Jahr lang dauerte und doch ein ganzes Leben prägte: Jacqueline van Maarsen und Anne Frank waren als Teenager enge Vertraute. Der Kontakt endete plötzlich, als Anne Frank im Sommer des Jahres 1942 mit ihrer Familie untertauchen musste. Jacqueline van Maarsen hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Erinnerung an das jüdische Mädchen aus Amsterdam wachzuhalten und zu schützen.  

"Ich heiße Anne", sagte sie, „Anne Frank“. Jacqueline van Maarsen (87) erinnert sich noch genau an den Beginn ihrer Freundschaft. Ein zierliches Mädchen mit einem feinen, schmalen Gesicht und schwarzen Haaren radelte auf sie zu, ganz außer Atem. Seltsam, dass ihr die neue Mitschülerin aus der Klasse des Jüdischen Lyzeums am ersten Schultag nicht aufgefallen war. "Musst du auch in diese Richtung?“, fragte Anne. "Dann können wir in Zukunft doch zusammen heimfahren."

Aus der gemeinsamen Fahrradfahrt entstand eine enge Freundschaft zwischen den damals zwölfjährigen Mädchen. Sie machten gemeinsam Hausaufgaben, spielten Monopoly, sammelten Bilder von Filmstars und teilten ihre Geheimnisse. Bis zum 6. Juli 1942, dem Tag, als Anne Frank mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus untertauchte. Die beiden Mädchen sahen sich niemals wieder. Nach zwei Jahren in dem Versteck wurde die Familie Frank von den Nationalsozialisten aufgespürt und in ein Konzentrationslager verschleppt. Anne verstarb 1945 im KZ Bergen-Belsen, wahrscheinlich an Typhus.

Jacqueline van Maarsen hat über Jahrzehnte verschwiegen, dass sie Anne Frank sehr gut kannte. So wie sie lange ihre eigene jüdische Vergangenheit vergessen wollte, zu schwer fiel ihr die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, das menschenverachtende System, der Verlust so vieler Freunde und Verwandte. Aber sie wollte auch einfach Jacqueline sein, ihre Identität wahren – und nicht nur als Anne Franks beste Freundin gesehen werden. Sie hatte ihre eigene Geschichte, ihr Leben mit ihrem Mann Ruud Sanders (86), ihren drei Kindern und ihrem Beruf als Buchbinderin. 

Vor dem Antisemitismus warnen

Die 87-Jährige sitzt auf dem Sofa ihrer Amsterdamer Wohnung, auf ihrem Schoß liegt ein vergilbtes Poesiealbum in Leineneinband. Sie ist eine der letzten Überlebenden aus dem Freundeskreis um Anne Frank. Auf dem großen Sofa wirkt die kleine, zierliche Person fast verloren, zerbrechlich, aber die 87-Jährige mit den wachen Augen und dem Kurzhaarschnitt weiß sehr genau, was sie will.

Und so entschied sie sich, obwohl eigentlich ein eher zurückhaltender Mensch, in den 80er-Jahren dazu, eine öffentliche Person zu werden. Seitdem hat sie mehrere Bücher über ihre Freundschaft zu Anne Frank geschrieben, sie hält Vorträge und Lesungen und reist dafür durch die Welt, vor allem nach Deutschland, in die USA, nach Frankreich und Russland.

Besonders gern spricht sie vor Schulklassen. "Ich muss das tun, was Anne selbst nicht mehr tun kann", sagt Jacqueline van Maarsen. "Ich will Menschen vor dem Antisemitismus warnen. Wenn ich von Anne erzähle, hört man mir zu. Ihre Geschichte steht beispielhaft für das Schicksal von sechs Millionen Juden, die während des Holocaust ermordet wurden."  

Die andere Seite von Annes Persönlichkeit 

Die Niederländerin fühlt sich verantwortlich dafür, die Erinnerung an Anne Frank wachzuhalten, genau so, wie sie wirklich war. Das jüdische Mädchen aus dem Hinterhaus in Amsterdam ist zwar weltberühmt geworden, doch sein Tagebuch – gefärbt durch die Erfahrungen im Versteck – erzählt nur eine Seite seiner Persönlichkeit, die ernstere, erwachsenere. 

Jacqueline van Maarsen kennt eine andere Seite von Anne, eine, die verspielter, fröhlicher und kindlicher ist. Die Niederländerin beschreibt die beste Freundin von damals als ausgesprochen offen, lebenslustig, authentisch, klug, willensstark, aber auch als vereinnahmend und manchmal eifersüchtig.

Sie war so ganz anders als sie selbst, es fiel ihr nicht immer leicht, mit Anne befreundet zu sein."Wir sind sehr verschieden", sagte Jacqueline einmal. "Wir ergänzen uns", erwiderte Anne, „deshalb sind wir so gute Freundinnen.“ Jacqueline van Maarsen bewunderte oft Annes Mut und ihre kreativen Ideen: Weil Juden nicht mehr ins Kino gehen durften, lud Anne Frank andere Kinder zu Filmvorführungen bei sich zu Hause ein – inklusive Eintrittskarten, auf der Schreibmaschine getippt.

Die 87-Jährige schlägt das Poesiealbum aus den 40er-Jahren auf, in das auch Anne Frank geschrieben hat. Ein Foto von ihr in Schwarz-Weiß klebt auf der Seite, den Eintrag hat sie in ordentlicher Schülerinnenschrift auf Niederländisch verfasst. Die deutsche Übersetzung: "Liebe Jacque, bleib stets ein Sonnenstrahl, in der Schule ein liebes Kind, für mich meine liebste Freundin, dann wirst du von jedem gemocht. Zur Erinnerung an deine Freundin Anne Frank."

Jacqueline van Maarsen ist auch Teil von Annes Franks Tagebuch, sie wird dort „Jopie“ genannt. Dass man sie nicht auf den ersten Blick erkennen kann, ist der Niederländerin ganz recht, viel zu persönlich erschien ihr anfangs, was Anne Frank in ihr Tagebuch schrieb, auch über ihre Freundschaft. Zwei Abschiedsbriefe an Jacqueline van Maarsen sind im Tagebuch formuliert. Weil Anne diese nicht abschicken durfte – zu groß wäre die Gefahr der Entdeckung gewesen – übertrug sie die Briefe in ihr Tagebuch. 

Lange glaubte die Freundin, dass die Familie Frank in die Schweiz emigriert war. Erst Otto Frank, Annes Vater, der als einziger der Familie den Holocaust überlebte, erzählte ihr nach dem Krieg, was wirklich geschehen war. Otto Frank wollte sich in den ersten Nachkiegsjahren oft mit Jacqueline van Maarsen treffen, um mit ihr über die Tochter zu sprechen."Ich fand das schwierig, aber ich verstand, dass er das Gefühl hatte, Anne würde weiterleben, wenn wir unsere Erinnerungen teilten." 

Otto Frank nahm die Freundin seiner Tochter auch mit in das Versteck der Familie, das Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht, das man heute noch besichtigen kann. Als Jacqueline van Maarsen dort Annes Zimmer betrat, sah sie an der Wand die Fotos von Filmstars, die sie gemeinsam gesammelt hatten. "Dieser Moment hat mich sehr berührt und traurig gestimmt", sagt die 87-Jährige, "wir sind schweigend nach Hause gefahren."  

Ein deutscher NS-Beamter rettete die Niederländerin

Auch ihre Familie war während der Zeit der deutschen Besatzung in Gefahr, deportiert zu werden. Ihr niederländischer Vater war Jude, ihre französische Mutter zwar eigentlich Christin, aber zum jüdischen Glauben übergetreten. Für die Nazis galten Jacqueline und ihre Schwester daher als jüdische Kinder.

Um die Familie zu schützen, unternahm die Mutter einen mutigen Schritt: Sie fuhr zum Hauptquartier der SS in Amsterdam, sprach dort mit einem deutschen Beamten und gab an, dass ihre Kinder ohne ihr Wissen bei der jüdischen Gemeinde angemeldet worden, aber eigentlich christlich erzogen seien. Eine Notlüge in letzter Minute, die der Familie das Leben rettete. 

Erst vor etwa einem Jahr hat Jacqueline van Maarsen bei einer Veranstaltung in Berlin erfahren, dass es sich bei ihrem Retter um den deutschen Rassereferenten Hans Calmeyer handelte, der nach Schätzungen 3000 bis 4000 Juden vor dem Massenmord bewahrte, mehr, als beispielsweise der weltbekannte Oskar Schindler schützen konnte. Calmeyer wurde dafür 1992 von der israelischen Gedenkstätte "Yad Vashem" mit dem Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet.

Jacqueline van Maarsen ist ihrem Retter dankbar, auch wenn er Teil des NS-Systems war. Verwundert schüttelt sie noch heute den Kopf: "Unglaublich, dass ich mein Leben einem Nazi verdanke." Das Leben von Anne Frank konnte Calmeyer nicht retten – von ihr bleibt nur die Erinnerung. 

Buchtipp
Jacqueline van Maarsen :"Deine beste Freundin Anne Frank", Erinnerungen an den Krieg und eine besondere Freundschaft, Fischer 2013 (für Jugendliche geschrieben, aber auch für Erwachsene spannend zu lesen)