Ein Geschäft mit der Hoffnung?
Viele Paare überschätzen die Erfolgsaussichten der Reproduktionsmedizin

Von Jutta Oster

Ein unerfüllter Kinderwunsch? Kein Problem – so wollen es jedes Jahr rund 60.000 Paare in Deutschland glauben und begeben sich in eine Kinderwunschbehandlung. Aber nach drei Versuchen kann nur rund die Hälfte dieser Paare am Ende ein Baby bekommen. Diese Quote zeigt eines deutlich: Von Anfang an sollten sich Betroffene darüber Gedanken machen, was ihr Leben wertvoll macht – mit oder ohne Kind.

Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, war sich der Sache noch sicher: "Kinder kriegen die Leute immer." Kinderkriegen scheint so selbstverständlich wie einfach – und ist es doch für viele Paare in Deutschland nicht: Nach einer Studie des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung" sind rund 1,4 Millionen Frauen und Männer zwischen 25 und 59 Jahren von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen. Ihr Wunsch nach einem Baby lässt sich nicht oder nur mit Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin verwirklichen.

Entscheiden sich Paare für eine Kinderwunschbehandlung, in der Fachsprache "assistierte Reproduktion" genannt, beginnt für sie ein langer Weg aus Hoffen und Bangen, eine Art Achterbahn der Gefühle. "Beim ersten Versuch waren mein Mann und ich noch vergleichsweise gelassen und optimistisch", sagt Bea Schneider (Name von der Redaktion geändert).

"Beim zweiten Mal fiel uns das schon etwas schwerer, und auf unserem dritten – und letzten – Versuch lastete ein hoher Druck. Jedes Mal hieß es bei uns nach dem Schwangerschaftstest: negativ. Wir waren sehr enttäuscht, und ich habe lange nach den Ursachen gesucht, warum es ausgerechnet bei mir nicht geklappt hat", erzählt die 40-Jährige.

Jedes Paar hofft – oft wider besseren Wissens

Bea Schneider ging es wie vielen Frauen und Männern, die sich auf eine künstliche Befruchtung einlassen: Sie schätzte die Erfolgschancen der Behandlung zu optimistisch ein. Nach drei Versuchen bekommt im Schnitt die Hälfte der Paare ein Baby. Bei der anderen Hälfte erfüllt sich der Traum vom Kind nicht – trotz der aufwändigen und teuren Medizin.

Nach vier Versuchen sind es etwa 60 Prozent, die Eltern werden. "Natürlich kennen Paare die Erfolgschancen der Kinderwunschbehandlung. Letztlich hofft aber jedes Paar, zu den 'Erfolgreichen' zu zählen", sagt Tewes Wischmann, Diplom-Psychologe und Mitarbeiter des Instituts für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Die Hoffnung der Paare werde auch durch die Medien geschürt, die eher über Erfolge als über Misserfolge berichten, und über die reproduktionsmedizinischen Zentren selbst, die in der Regel die Schwangerschaftsraten nach einer Behandlung angeben. Eine Schwangerschaft führt aber nicht in jedem Fall zu einem Kind. Weil es immer wieder auch zu Fehlgeburten kommt, sagen die Schwangerschaftsraten noch nichts darüber aus, ob Paare letztlich Eltern werden.

Wischmann rät Paaren zu einem realistischen Blick auf die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin – und zu einem "Plan B", also dazu, frühzeitig alternative Pläne für ein Leben ohne (leibliches) Kind zu entwickeln. Für den Psychologen ist eine Frage zentral, die er jedem Paar während seiner Kinderwunsch-Beratung am Universitätsklinikum Heidelberg stellt: "Was machen Sie, wenn sich Ihr Wunsch nach einem Kind nicht erfüllt?"

Seiner Erfahrung nach werde diese Thematik in den reproduktionsmedizinischen Zentren noch viel zu selten angesprochen. Das ist auch ein Grund, warum in seinem Büro keine Babyfotos hängen, die Paare in Kinderwunschzentren oft schon im Eingangsbereich begrüßen.

Ein wichtiger Faktor ist das Alter der Frau

Pro Jahr werden in Deutschland inzwischen rund 85.000 Kinderwunschbehandlungen durchgeführt, die statistisch erfasst werden. Im Jahr 2014 ließen sich knapp 60.000 Frauen behandeln, im Schnitt entfielen also auf jede Frau 1,6 Behandlungszyklen. Bemerkenswert ist, dass heute weit mehr als die Hälfte der Patientinnen 35 Jahre oder älter ist.

Das Alter der Frau ist ein entscheidender Faktor für die Chance auf eine Schwangerschaft, egal ob auf natürlichem Wege oder durch die assistierte Reproduktion. Weil das Alter der Frauen zu Beginn der Behandlung immer weiter steigt, haben sich die Erfolgsaussichten der Reproduktionsmedizin nicht weiter nach oben entwickelt.

Viele Frauen und Männer verschieben ihren Kinderwunsch, um sich erst beruflich zu etablieren oder andere Lebenspläne zu verwirklichen. Manchmal kann aus einem Aufgeschoben dann eben doch ein Aufgehoben werden.

Die medizinischen Gründe für die Unfruchtbarkeit liegen nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zu gleichen Teilen beim Mann wie bei der Frau – zu  jeweils etwa 30 bis 40 Prozent. In den übrigen Fällen gibt es eine Einschränkung bei beiden Partnern, oder es lässt sich keine eindeutige Ursache feststellen. Sind Paare in ihrer Fruchtbarkeit stark eingeschränkt, wird in der Regel eine In-Vitro-Fertilisation (IVF) oder eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) durchgeführt.

Bei der IVF werden der Frau nach einer Hormonbehandlung in einer kleinen Operation Eizellen entnommen, die zusammen mit Samenzellen in ein Reagenzglas gegeben werden. Anschließend werden in der Regel ein bis zwei befruchtete Eizellen ausgewählt und in die Gebärmutter eingesetzt. Bei der ICSI wird die Samenzelle direkt in die Eizelle gespritzt, ansonsten ist das Verfahren identisch.

Die Kosten in Höhe von rund 3000 bis 4000 Euro pro Behandlungszyklus übernehmen in der Regel die Krankenkassen zur Hälfte für drei Versuche, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, die Partner zum Beispiel verheiratet sind. In einigen Bundesländern wie beispielsweise Niedersachsen erhalten Paare einen weiteren Zuschuss, inzwischen auch unabhängig von einem Trauschein.

Die katholische Kirche lehnt jegliche Form der künstlichen Befruchtung ab. So warnte etwa der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, davor, dass so "das Wunder des Lebens und der Weitergabe des Lebens zur Produktion von Leben" werde.

Eine weitere zentrale ethische Frage aus Sicht der Kirche – neben der Trennung von Sexualität und Elternschaft – ist das Problem möglicher überzähliger Embryonen: Bei einer künstlichen Befruchtung entstehen in manchen Fällen mehr befruchtete Eizellen, als der Frau letztlich eingesetzt werden. Sie werden für eine spätere Behandlung eingefroren oder vernichtet.

Für Körper und Seele belastend

Die Kinderwunschbehandlung ist belastend – die Frauen müssen sich selbst Hormone spritzen und sich einem Eingriff unterziehen. Dennoch ist Tewes Wischmann davon überzeugt, dass die psychische Belastung, das Warten auf das Ergebnis, das Auf und Ab der Gefühle, noch gravierender für die Betroffenen ist. "Die emotionalen Auswirkungen werden von vielen Paaren unterschätzt", sagt der Psychologe. "Zwei Drittel der Paare hören daher bereits nach dem zweiten Versuch auf."

Gelingt die Behandlung nicht, müssen Paare die ungewollte Kinderlosigkeit annehmen. Manche geraten dabei in eine Krise, die Expertinnen und Experten in ihrer Schwere mit dem Tod eines nahen Angehörigen vergleichen. Die Trauerphase ist notwendig und braucht Zeit.

Doch nach Erfahrung von Wischmann sind kinderlose Paare auf Dauer nicht unglücklicher als Eltern, und die gemeinsam bewältigte Krise schweißt die Mehrzahl zusammen. Manchmal kann das Gefühl der Trauer und Wehmut aber wieder hochkommen, zum Beispiel dann, wenn mit dem Einsetzen der Wechseljahre die Kinderlosigkeit endgültig besiegelt ist oder Freunde Enkelkinder bekommen.

Bea Schneider hat akzeptiert, dass sie und ihr Mann niemals Eltern werden. Manchmal kommt bei ihr noch das Gefühl von Traurigkeit und Wehmut auf. "Aber manchmal gelingt es mir inzwischen auch, meine Freiheit als kinderlose Frau wieder neu zu schätzen."


Informationen
Die Internetseite der Bundesregierung informiert betroffene Paare über Ursachen der Kinderlosigkeit, Möglichkeiten der Behandlung, Beratung und finanziellen Unterstützung:
www.informationsportal-kinderwunsch.de