(K)eine zweite Chance? – Warum kfd-Mitglied Uta Fechler zu ihrer Wiederheirat steht – und zur Kirche

Von Jutta Oster

Menschen, die nach einer Scheidung erneut heiraten, sind nach derzeitigem Kirchenrecht vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen. Das war ein wichtiger Diskussionspunkt bei der Familiensynode in Rom. Das Thema bewegt – die katholische Kirche, die kfd und Uta Fechler, die erzählt, warum sie trotz der Ausgrenzung an der Kirche festhält.

Es sind kleine Zettel in drei Farben, die Uta Fechler in das Regelwerk des katholischen Glaubens geklebt hat: Gelb für Aussagen zur Familie, grün für Scheidungsthemen, rot für Glauben und Weiteres. Die Klebezettel im "Katechismus der Katholischen Kirche" verdeutlichen, wie sehr der 42-Jährigen klar ist, dass sie gegen die Regeln verstoßen hat. Uta Fechler ist geschieden und zum zweiten Mal verheiratet. Den Katechismus hat sie zur zweiten Hochzeit geschenkt bekommen, von einer Verwandten ihres Mannes. Eine gezielte Kränkung oder Provokation? Wohl eher das unüberlegte Geschenk einer strenggläubigen Katholikin.

Uta Fechler hat gelernt, mit den Verletzungen umzugehen – ihre Waffe ist ihr Humor. Dennoch hat der Katechismus sie nicht losgelassen: Sie hat ihn Zeile für Zeile durchgearbeitet. Während des Gesprächs klopft sie immer wieder auf das blaue Buch mit ihren Markierungen: "Das hier ist es, was sich ändern muss. Nicht ich bin es, die sich ändern muss." Zwei-, dreimal liest sie eine Stelle aus dem Katechismus vor, etwa die, dass ihre Situation als Geschieden-Wiederverheiratete dem Gesetz Gottes widerspreche. Frage und Antwort, Nummer 349.

Verändern kann man die Kirche nur von innen

Uta Fechler aus Höxter ist der katholischen Kirche, deren Regeln von vielen als unbarmherzig empfunden werden, dennoch eng verbunden. Und das bereits von Kindheit an: katholischer Kindergarten, katholische Grundschule, katholisches Mädchengymnasium, dann ein Lehramtsstudium im katholisch geprägten Paderborn, in den Fächern Englisch, Geschichte und Politik. Der Vater Lehrer an einer katholischen Schule und Mitglied im Kirchenvorstand. Als junge Frau ehrenamtliche Arbeit in der katholischen Landjugend und in der Eine-Welt-Bewegung. Das alles prägt, sagt sie.

Hat sie jemals darüber nachgedacht, der katholischen Kirche den Rücken zu kehren? Uta Fechler schüttelt entschieden den Kopf. Anfangs, kurz nach der Trennung von ihrem ersten Mann, hat sie überlegt, ob sie nicht lieber einen sauberen Schlussstrich ziehen sollte. Aber sie hat schnell gemerkt, dass sie diesen Teil ihrer Identität nicht missen kann und möchte. Nein, die katholische Kirche gehört zu ihr. Verändern kann man sie nur von innen heraus, davon ist Uta Fechler überzeugt, und nur dann muss sich die Kirche auch mit Menschen in dieser Lebenssituation auseinandersetzen.

Denn ihre persönliche Lebensgeschichte gehört ebenso zu ihr, die kann und möchte sie ebenso wenig missen. Aus diesem Konflikt kommt die 42-Jährige nicht heraus. Von ihrem ersten Mann hat sie sich im Jahr 2001 getrennt, zwei Jahre später folgte die Scheidung. Uta Fechler möchte nicht darüber sprechen, warum die Ehe in die Brüche ging, aber es ist so Schwerwiegendes vorgefallen, dass es nicht mehr denkbar war, bei diesem Mann zu bleiben. Sie bereut ihre erste Ehe dennoch nicht: "Warum sollte ich? Ich habe meinen Mann anfangs aufrichtig geliebt, und wir haben eine wunderbare gemeinsame Tochter." Uta Fechler begreift die erste Ehe als Teil ihres Lebens. Deshalb konnte sie sich eine Ehe-Annullierung, die Feststellung der Nichtigkeit nach einem kirchenrechtlichen Verfahren, das Papst Franziskus inzwischen vereinfacht hat, nicht vorstellen. Auch den Begriff Scheitern mag Uta Fechler nicht, lieber spricht sie von Brüchen im Leben.

Zu ihrem ersten Mann hat sie inzwischen keinen Kontakt mehr. Ihren jetzigen Mann Burkhard (48) hat Uta Fechler Ende 2004 geheiratet. Ihn nicht zu heiraten, einfach ohne Trauschein zusammenzuleben, wäre für sie nicht vorstellbar gewesen. Gemeinsam haben die beiden drei weitere Kinder. Ihr Ehemann versteht sie und gibt ihr Rückendeckung für ihren Weg. "Ich fühle mich gesegnet, dass ich von Gott die zweite Chance und noch drei gesunde Kinder bekommen habe", sagt Uta Fechler. Gott hat sie nie verlassen, da ist sie sich völlig sicher, mögen auch noch so viele bunte Zettel im Katechismus kleben.

Glaubwürdigkeit als hoher Wert

Ihren Weg in der Kirche will Uta Fechler geradlinig gehen, glaubwürdig sein. Und dazu gehört für sie, sich an die Regeln der katholischen Kirche zu halten. Geschieden-Wiederverheiratete sind nicht zum Empfang der Eucharistie zugelassen und durften bisher nicht in kirchlichen Gremien mitarbeiten. Die 42-Jährige respektiert das. Während der Kommunionausteilung beim sonntäglichen Gottesdienst bleibt sie in der Kirchenbank sitzen, das Amt der Lektorin lehnt sie ab, Kommunionunterricht erteilt sie nicht. Manchmal erntet sie in ihrer Gemeinde in Höxter-Bruchhausen im Erzbistum Paderborn dafür Unverständnis. "Du kannst doch lesen", hat man ihr gesagt, als neue Lektorinnen gesucht wurden. "Du hälst doch sonst immer die katholische Fahne hoch", hieß es, als sie keine Kommunionstunde übernehmen wollte. Pfarrer reagieren mit Verunsicherung oder Hilflosigkeit und bieten an, dass sie Uta Fechler die Kommunion doch austeilen würden. Aber Uta Fechler will konsequent sein und sich nicht auf Provisorien und Ausnahmen einlassen: "Sonst ändert sich nichts an der Wurzel." Oftmals wird ihr dieses Verhalten als Dickköpfigkeit oder Trotz ausgelegt. "Wenn es euch stört, schreibt an das Generalvikariat", erwidert sie dann.

Fühlt sie sich ausgegrenzt, wenn andere zur Kommunion gehen, sie selbst aber in der Kirchenbank wartet? Uta Fechler, die sonst schnell antwortet, reagiert zögerlich und braucht einen Moment, um sich zu fassen: "Meine Kinder sind mein großer Schwachpunkt. Ich würde mir schon wünschen, einmal mit ihnen zur Kommunion gehen zu dürfen." Glauben ist eben auch Gemeinschaftssache, und nun scheint hinter ihrer kämpferischen Haltung auch Verletztheit durch.

Engagement ist dennoch möglich. Die ehrenamtliche Arbeit für die kfd ist Uta Fechler ausgesprochen wichtig. Sie ist Vorstandsmitglied der kfd im Erzbistum Paderborn und vertritt den Verband im Vorstand des Frauenrates Nordrhein-Westfalen. Damit ist sie im Erzbistum Paderborn die erste Geschieden-Wiederverheiratete auf diözesaner Ebene in einem Leitungsteam. Verbandsarbeit darf sie im Erzbistum machen, solange sie nicht den Vorsitz übernimmt. Im gesellschaftspolitischen Engagement hat sie ihr Steckenpferd gefunden. "Hier kann ich meinen Glauben leben", sagt Uta Fechler. "Für mich sind Gerechtigkeit, Beteiligung und Solidarität zutiefst religiöse Werte." Sie ist froh, dass die kfd sich seit einigen Jahren dafür einsetzt, dass Wiederverheiratet-Geschiedene nicht länger von den Sakramenten ausgeschlossen werden, und hat sich auch an der Unterschriftenaktion beteiligt, bei der in den Jahren 2011 und 2012 knapp 100.000 Unterschriften zusammenkamen.

Auch wenn die Familiensynode in Rom noch nicht die klaren Ergebnisse für Geschieden-Wiederverheiratete erbracht hat, auf die viele hofften, glaubt Uta Fechler vorsichtig daran, dass vom Jahr der Barmherzigkeit wichtige Impulse ausgehen, "sofern der Begriff der Barmherzigkeit richtig verstanden und nicht mit Mitleid verwechselt wird", sagt sie. Das Synodenpapier sieht eine neue Offenheit und eine Unterscheidung der Umstände für Geschieden-Wiederverheiratete vor. Jetzt ist abzuwarten, wie Papst Franziskus damit umgeht, wenn er das für Frühjahr 2016 angekündigte Abschlussdokument zur Bischofssynode veröffentlicht. Uta Fechler hofft darauf, dass Kirche sich verändern kann und ihre vier Kinder einmal den Platz dort finden werden, den sie haben möchten – ganz gleich, in welcher Lebenssituation sie gerade sind. Und dass ihr Glaube mehr zählt als jede Regel, die schwarz auf weiß in einem Buch steht.