"Nehmt Kinder auf und ihr nehmt mich auf" – Weltgebetstag 2016: Frauenleben auf Kuba

Von Constanze Bandowski

Wie in vielen Ländern der Erde halten die Frauen des diesjährigen Weltgebets­tagslandes Kuba Familie und Gesellschaft zusammen. Das ist nicht immer leicht, aber die Frauen tragen ihre Herausforderungen mit Humor und Improvisationstalent. Vier Beispiele aus dem kubanischen Alltag.

Yulexis Almeida Junco hat es geschafft. Die 37-jährige Soziologin lehrt seit 13 Jahren an der Universität von Havanna. Das ist auf Kuba an sich nichts Besonderes: Frauen genießen hier die gleichen Bildungs- und Berufschancen wie Männer. So steht es in der sozialistischen Verfassung von 1976, und tatsächlich ist der Frauenanteil in Führungspositionen wesentlich höher als in anderen lateinamerikanischen Staaten. An den Universitäten promovieren mehr Frauen als Männer, über die Hälfte aller Studierenden sind weiblich. Insofern bildet die schwarze, junge, alleinerziehende Yulexis Almeida Junco keine Ausnahme. Ungewöhnlich ist allerdings ihr Forschungsgebiet: Die ehrgeizige Dozentin untersucht den alltäglichen Rassismus und die weit verbreitete Diskriminierung der Frauen innerhalb der kubanischen Gesellschaft.

Vor einem Jahr ist es der Soziologin gelungen, einen Kurs über Rassismus und Geschlechtergerechtigkeit an ihrer Fakultät zu etablieren. "Das Interesse ist unglaublich groß", sagt sie. Die kubanische Gesellschaft hat hier offensichtlich großen Nachholbedarf. "Während der Revolution gab es offiziell keine Benachteiligungen", erklärt Yulexis Almeida Junco. "Allmählich wissen aber alle, dass wir an dieser Stelle ein riesiges Problem haben, denn Rassismus und Sexismus existierten während der Revolution unterschwellig fort."

Jede Frau erfahre täglich Momente der Unterdrückung. "Dabei gilt: Je dunkelhäutiger du bist, desto mehr wirst du diskriminiert." Kubanische Männer pfeifen in der Regel gerne den Frauen hinterher, aber wenn ein weißer Mann einer schwarzen Frau zuruft: "Ich liebe diese Schwarzen!", meint er es durchaus sexistisch und rassistisch. In manchen gesellschaftlichen Bereichen ist die Ausgrenzung von Menschen mit anderen Hautfarben nach wie vor präsent – das musste auch Yulexis Almeida Junco erfahren. Ihre 15-jährige Tochter liebte als kleines Mädchen Ballett. Der klassische Tanz gilt aber traditionell als Domäne der weißen Oberschicht. "Es hat mich viel Überzeugungsarbeit gekostet, Ruth so stark zu machen, dass sie da mitmachte", erzählt die Mutter. "Diese alltäglichen Erfahrungen motivieren mich solange weiterzukämpfen und meine Tochter zu fördern, bis sie in einer Gesellschaft ohne Rassismus leben kann." Dafür engagiert sich Yulexis Almeida Junco neben ihrer Arbeit an der Uni im Kubani"chen Kirchenrat und in diversen Netzwerken. "Wir tun, was wir können“, sagt sie und lacht. 

Kubaner können sich den Alltag kaum noch leisten

Mit Humor versucht auch Lourdes Lara Romero (44) ihren Alltag zu meistern. Die Hausfrau und Mutter lebt mit ihrer Familie im Armenstadtteil Diezmero am Rande von Havanna. Ihr Mann arbeitet in einer staatlichen Lagerhalle und verdient 400 kubanische Peso im Monat. Das sind 16 Euro. "Wie soll man davon bitteschön eine Familie ernähren?", fragt die Frau mit dem dunkelblonden Pferdeschwanz. Seit Jahren steigen die Preise. Die staatliche Lebensmittelkarte wurde so eingestampft, dass die monatlichen Rationen an Reis, Zucker, Bohnen oder Öl keine drei Tage reichen. Hygieneartikel, Milch und andere lebenswichtige Dinge sind nur in speziellen Läden gegen die Sonderwährung CUC (Peso Convertible?/?umwandelbarer Peso) erhältlich. Diese ist an den Dollar gekoppelt und für die Mehrheit der Kubaner unerreichbar. An CUC gelangt nur, wer mit Touristen zu tun hat oder Geld von Familienangehörigen aus dem Ausland überwiesen bekommt.

Lourdes Lara Romero hat weder das Eine noch das Andere. "Wir sind ganz einfache Leute, die seit der Sonderperiode Anfang der 90er-Jahre nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen", sagt sie leise. Ihre Tochter Dayani ist zwölf Jahre alt. Wie alle angehenden Teenager möchte sie sich hübsch anziehen. Und wie viele Frauen besorgt Lourdes Lara Romero diese Dinge an Secondhand-Ständen oder auf dem Schwarzmarkt. "Allein ein Paar Schuhe kostet 30 CUC ", sagt die Mutter und zuckt resigniert mit den Schultern. 30 CUC sind 27 Euro oder 700 kubanische Peso – fast doppelt so viel wie der Monatslohn ihres Mannes. Also tischlert Dayanis Vater nach der Arbeit Möbel im hinteren Teil der Holzhütte. Die Mutter sitzt seit zwei Jahren vorn an der mechanischen Nähmaschine und stellt Kinderkleidung für den Verkauf her. "Es tut gut, selbst Geld zu verdienen", sagt Lourdes Lara. "Früher habe ich mich nur um den Haushalt gekümmert, aber Not macht erfinderisch."

Improvisationskraft ist gefragt

Das sagte sich auch Mercedes Gónzales aus Havanna. Als Kind der Revolution studierte die heute 64-jährige Dokumentationswissenschaften und arbeitete in renommierten Instituten wie der Wissenschaftlichen Akademie von Havanna. Sie heiratete einen Wirtschaftswissenschaftler und bekam mit 34 Jahren ihren einzigen Sohn. "Uns ging es recht gut", erzählt die quirlige Frau und streicht sich eine schwarzgefärbte Strähne aus der Stirn. "Die Familie meines Mannes hatte für uns diese große Wohnung im schönen Stadtteil Vedado, wir arbeiteten, der Sohn ging in die Schule – alles war schön." Dann brach Anfang der 90er-Jahre die Sowjetunion zusammen und mit ihr die kubanische Planwirtschaft. "Während der Krise ging es allen schlecht", sagt Mercedes Gónzales. "Niemand hatte genug zu essen, das ganze Land litt an diesem unglaublichen Mangel."

Jeder versuchte, irgendwie zu Geld zu kommen. Mercedes Gónzales begann, zwei Zimmer an ausländische Studenten zu vermieten. Die kamen aus den USA, um in Kuba zu promovieren, und zahlten in harten Dollar, später in CUC. "Die Nachfrage war so groß, dass ich meine Leitungsstelle im Dokumentationszentrum kündigte", sagt die Geschäftsfrau. Heute vermietet sie mehrere Zimmer in ihrer sogenannten "Casa particular". Die Privatpensionen sind seit 1997 auf Kuba legal und sprießen wie Pilze aus dem Boden. Mercedes Gónzales hebt sich längst von den meisten ab. Ihre Pension wird in internationalen Reiseführern und im Internet gelobt. "Wir Kubaner sind Improvisationskünstler", sagt sie. Wie viele freut sie sich über die wirtschaftliche Öffnung des Landes. Und wie die Mehrheit will sie die Errungenschaften der Revolution wie Bildung und Gesundheit erhalten. "Die Revolution hat ja auch etwas Gutes gebracht", sagt sie. "Wir sind ein armes Land, aber es gibt noch ein gewisses Maß an Würde und Menschlichkeit."

"Die Welt wird auf unser Land blicken"

Das finden auch die Frauen des kubanischen Weltgebetstagskomitees. "Wir erleben gerade sehr unsichere Zeiten", sagt die Vorsitzende Ormara Nolla. "Jeden Tag kämpfen wir ums Überleben. Und wir befürchten, dass uns das US-amerikanische Konsumdenken überrollt. Wir Kubaner müssen unseren eigenen Weg finden." Das fordern die ökumenischen Kirchenvertreterinnen in ihrer Gottesdienstordnung für den 4. März 2016. "Wir freuen uns, dass die ganze Welt an diesem Tag für uns beten wird", sagt die 74-jährige Baptistin, die mehr als zwei Drittel ihres Lebens für die Religionsfreiheit in ihrer sozialistischen Heimat gekämpft hat. Mit dem Weltgebetstag erfüllt sich ein Traum: "Die ganze Welt wird auf unser Land blicken", sagt sie.