Reden ist Gold – Eine Pfarrgemeinde im rheinischen Wesseling öffnet sich für Flüchtlinge

Von Carmen Molitor

"Reden ist das Wichtigste!", sagt Barbara Bartsch. Die 68-Jährige bezieht das auf das Erlernen einer Sprache, aber ihr Satz ist auf vielen Ebenen wahr. Bartsch leitet in Wesseling für die Pfarrgemeinde den Kurs "Deutsch als Fremdsprache". Die Pfarre lässt sich von den Neuankommenden verändern und bietet, wo sie nur kann, Unterstützung an. Womit soll man beginnen? Mit Begegnung, Austausch und Gespräch. Deswegen plant man Willkommensgruppen und ein Begegnungszentrum. Und kommt damit dem Wunsch von Papst Franziskus nach, Flüchtlingen eine Heimat zu bieten.

Zögernd wählen sechs Männer und eine Frau in der Eröffnungsrunde an diesem Freitagmorgen im Pfarrheim ihre Worte. Ihre Schicksalswege kennt man aus den Nachrichten: Zwei junge Männer aus Eritrea, die zusammen in besseren Nussschalen über das Mittelmeer nach Lampedusa flohen; ein iranisches Ehepaar, das erleben musste, wie der Kapitän ihres Schlepperschiffes türmte und seine Passagiere auf hoher See ihrem Schicksal überließ. Ein afghanischer Ingenieur, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern eine Odyssee quer durch Europa auf sich nahm. Ein muskulöser Hobby-Rugbyspieler aus dem Iran, der alleine floh und hier gerne studieren möchte, ebenso wie ein 28-jähriger Soziologe aus Guinea, der überlegt, hier zum Krankenpfleger umzuschulen. Für sie alle ist ein improvisiertes Flüchtlingscamp des Malteser Hilfsdienstes in Wesseling bei Köln die erste Station eines neuen Lebens in Deutschland geworden.

In den vier katholischen Gemeinden im Dekanat Wesseling helfen Menschen wie kfd-Mitglied Barbara Bartsch den Neuankommenden dabei, sich zurechtzufinden. Die Fremdsprachenlehrerin engagiert sich schon lange ehrenamtlich im Katholischen Familienzentrum, für das sie beispielsweise seit 2008 einen Sprachkurs für Migrantinnen und Aussiedlerinnen leitete, deren Kinder in die katholische Kita kamen. Als die Zahl der Flüchtlinge stieg, weitete das Zentrum das Angebot aus. Barbara Bartsch übernimmt als Honorarkraft an vier Tagen in der Woche zwei Kurse im Pfarrheim St. Josef. Die Teilnahme ist freiwillig und bereitet auf den Integrationskurs vor.

Im Sprachkurs im Pfarrheim geht es heute um eine Bildergeschichte über Nico, dessen neue Waschmaschine nicht funktioniert. Barbara Bartsch versucht, die Gruppe ins Gespräch zu bringen: "Was geschieht?", fragt sie. "Nico hatte eine Waschmaschine verkauft", antwortet ein Schüler. "Ver-kauft oder ge-kauft?", fragt sie nach. "Gekauft!", antworten die anderen. Bartsch schafft es, alle dazu zu ermutigen, immer wieder das Wort zu ergreifen. "Ich liebe Frau Bartsch, der Kurs ist gut“, sagt die Fitnesstrainerin Solmaz H., eine 39-jährige Jesidin aus dem Iran. Ihr bereiten im Deutschen vor allem die Artikel Kopfzerbrechen: "Wann sagt man der, die oder das? Das ist das Schwierigste!"

Dozentin Bartsch ist stolz darauf, wie gut die Klasse schon frei sprechen kann, nach nur ein paar Monaten in Deutschland. Sie hat selbst in London und Kuwait gewohnt und weiß, wie schwer es sein kann, sich in einem fremden Land zurechtzufinden. Längst ist sie für die Gruppe mehr als eine Deutschlehrerin. "Die Schicksale meiner Schüler erschüttern mich und ich fühle mich für sie voll verantwortlich", erzählt die Pädagogin. So stürmen auf sie immer wieder auch Fragen ein, für deren Beantwortung sie "keine Ausbildung hat, nur guten Willen".

"Es ist nötig, den eigenen Auftrag der Nächstenliebe vollständig zu überdenken, über das hinaus, was Caritas immer schon leistete", sagt Markus Polders, Pfarrer der Gemeinde St. Josef. Um die Flüchtlinge zu integrieren, brauche es ein stärkeres Miteinander der Gemeinden, Vereine und Institutionen. In Wesseling ist das Katholische Familienzentrum – ein Netzwerk aus sechs katholischen Kitas und Organisationen von der kfd bis hin zum Jugendamt – der Dreh- und Angelpunkt dieser Zusammenarbeit. Zwar hat man hier längst die Bedürfnisse von Familien mit Migrationshintergrund im Blick, aber die Ankunft der Flüchtlinge verlangt an vielen Stellen, Angebote weiterzuentwickeln.

Die Sprachkurse für die Neuankömmlinge zu öffnen war solch ein erster Schritt, dem viele weitere folgen sollen. "Wir planen in den Kitas Willkommensgruppen", nennt Martina Kappe, Leiterin der Kita St. Josef, ein Beispiel. "Das sind Spielegruppen, zu denen die Kinder und Eltern zwei Stunden hinkommen können, etwas basteln und einen Tee trinken. Sie sollen auf den Kindergarten vorbereiten, denn die Eltern wollen oft ihre Kinder nicht sofort in der Fremde alleine in eine unbekannte Institution schicken." Auch eine Schulung über die rechtliche Situation von Flüchtlingen hat man in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk für Ehrenamtliche angeboten, die Flüchtlingsfamilien begleiten wollen.

Raum für den Austausch mit Flüchtlingen soll das zentral gelegene Informations- und Begegnungszentrum des Dekanats bieten, das am 6. Dezember eröffnet wird. Im noch unfertigen Ladenlokal steht Gemeindereferentin Carola Lerch: "Es wird ein Raum für alle, aber Flüchtlinge können sich sicher sein, dass sie hier willkommen sind und dass wir ihnen bei Fragen zu Alltagsproblemen zur Seite stehen", betont sie. Das Zentrum soll gemütlich mit Sitzmöglichkeiten und einer Spielecke eingerichtet sein. Jeweils zwei Ehrenamtliche werden während der Öffnungszeiten da sein. "Wir wollen ein regelmäßiges kulturelles Programm anbieten", so die Gemeindereferentin. Auch die Information über den katholischen Glauben und die christliche Kultur gehört zum Angebot. "So etwas ist wichtig für die, die zu uns kommen, damit sie uns verstehen können. Sie können hier auch von sich erzählen. So soll auf eine friedvolle Weise interreligiöser Dialog stattfinden“, wünscht Carola Lerch sich.

Beim Freitags-Deutschkurs im Pfarrheim St. Josef wird es am Ende staatstragend. Barbara Bartsch hat den Text der Nationalhymne mitgebracht, weil ihre Schüler gerne wissen wollten, „was die deutschen Fußballer vor dem Länderspiel singen". Bartsch spricht mit ihnen über die Hymnen ihrer eigenen Länder und erklärt dann den deutschen Text. Alle wollen ihn vorlesen. "Einigkeit und Recht und Freiheit …" klingt es im englischen, französischen, arabischen Tonfall durchs Pfarrheim. Die Lehrerin könne es ja mal vorsingen, schlägt Suleiman aus Guinea augenzwinkernd vor. Barbara Bartsch winkt lächelnd ab. Sie redet lieber.

"Das hat in unserer Pfarrei viel verändert!"
Bonner Initiative unterstützt schon seit zwei Jahren 27 Syrer

Für Flüchtlinge sorgen – was das bedeutet, hat Guido Zernack erlebt. Der Pastoralreferent aus Bonn-Duisdorf erfuhr 2013 von der Not eines Syrers aus der Nachbarschaft, der 27 Familienmitglieder aus dem Kriegsgebiet als Kontingentflüchtlinge retten wollte. Damals war es rechtlich noch möglich, Verwandte aus Syrien zu holen, wenn man sich bereit erklärte, alle Kosten für sie zu übernehmen. Zernack ließ sich von dem Schicksal der Großfamilie anrühren und gründete das Netzwerk Syrienhilfe. Der ehrenamtliche Zusammenschluss schaffte es, in anderthalb Jahren insgesamt 180.000 Euro an Spenden für die Flüge und die Versorgung der Familie zu sammeln, besorgte Wohnungen, renovierte sie und richtete sie ein, half bei der Suche nach Arbeit, Schule und Kita-Plätzen. Eine Mammutaufgabe, gesteht Zernack rückblickend. "Es ist nicht damit getan, ein paar Wochen oder Monate etwas zu machen. Hilfe für Flüchtlinge dauert länger und man kann nicht einfach damit aufhören." Außerdem brauche man einen großen Helferkreis und eine wichtige Fähigkeit: delegieren können. "Das Wissen darum, dass man so etwas stemmen kann, hat in unserer Pfarrei ganz viel verändert", sagt der Pastoralreferent.