Zum eigenen Kind stehen – Was tun gegen Mobbing an Schulen?

Von Regina Käsmayr

Das neue Schuljahr beginnt. Für viele Kinder eine Tortur: Jedes dritte macht während seiner Schulzeit Erfahrungen mit Mobbing-Attacken. Vor allem schüchterne Schülerinnen und Schüler und solche, die sich durch äußere Merkmale abheben, sind betroffen. Eltern können ihren Kindern helfen – aber nur in Zusammenarbeit mit der Schule.

In der Umkleidekabine der Turnhalle war es am schlimmsten. Kein Lehrer weit und breit. Da stellten sich die anderen Jungs im Kreis um Emil (Namen von der Redaktion geändert) herum auf und stimmten ab: "Wer ist dafür, dass der Emil ein Blödmann ist?" Alle Finger schossen in die Höhe. "Wer findet, dass der Emil stinkt?", "Wer ist der Meinung, dass der Emil von einem Auto überfahren werden sollte?" Kam ein Lehrer dazu, hörte es auf. Dann zeigte höchstens noch jemand auf die Wasserlache vor der Dusche und behauptete, Emil hätte dort hingepinkelt. Der stille Junge wusste keinen Ausweg.

Nebenan in der Mädchenkabine passierte das Gleiche. Dort wurde Laura geschubst und gehänselt. Selbst die Wasserlache auf dem Boden erhielt dieselbe Erklärung. Irgendwann hielt Laura es nicht mehr aus, schrie "Ich will nicht mehr leben!" und rannte davon. Hinter ihr grölten die anderen Mädchen: "Super, bring dich um. Auf deine Beerdigung kommt keiner!"

Die Lehrer hörten es und reagierten: Zu Lauras Familie schickten sie das Jugendamt, weil die Neunjährige eine Suizidankündigung ausgesprochen hatte. Zu den mobbenden Klassenkameradinnen sagten sie: "So etwas wollen wir nicht mehr hören." Mehr nicht. In der nächsten Sportstunde ging es weiter wie zuvor.

Das englische Wort "to mob" bedeutet "über jemanden herfallen, sich auf jemanden stürzen". "Mobbing" steht seit 1996 im deutschen Duden und hat nichts zu tun mit gelegentlichen Stänkereien oder Streits zwischen Gleichstarken, sondern ist das systematische Ausgrenzen und Schikanieren eines Schwächeren. Jeder dritte Schüler wird einer Studie der Leuphana-Universität Lüneburg zufolge im Laufe seiner Schulkarriere zum Mobbingopfer, jeder zehnte wird dabei auch geschlagen. Die Folgen sind für die Opfer fatal: Sie haben mehr Kopfschmerzen und Schlafstörungen als andere, ziehen sich häufig zurück und unternehmen selten bis nie etwas mit Freunden. Psychologen an der britischen Universität Warwick fanden heraus, dass Kinder, die über mehrere Jahre hinweg gemobbt wurden, ein vielfach erhöhtes Risiko haben, später Psychosen zu entwickeln.

Emil bekam eine Tic-Störung. "Es fing mit Augenblinzeln an, dann ruckte sein Kopf hin und her", erinnert sich seine Mutter. "Nach einem Jahr zuckte er am ganzen Körper und schlug beim Gehen die Knie zusammen."

Schon immer hatte Emil motorische Schwierigkeiten gehabt und tat sich bei der Kontaktaufnahme mit neuen Kindern schwer. Sein einziger Freund kam bei der Einschulung in die Parallelklasse, und Emil stand ganz alleine da. Laura erging es ebenso. Sie war schon im Kindergarten gehänselt worden, wenn sie den württembergischen Dialekt ihres Vaters sprach. "Verpiss dich ins Schwabenland", sagte ein Junge, und die anderen lachten. In der Schule machte derselbe Junge weiter, zog andere mit rein. 

Mittlerweile sind die meisten Experten sich einig: In die Opferrolle geraten zumeist Kinder, die kleiner, schwächer oder dicker sind als der Durchschnitt, die schüchtern sind, keine angesagten Kleider tragen oder zu einer ethnischen Minderheit gehören. Auch stark behütete Kinder oder solche aus nicht angesehenen Elternhäusern sind oft betroffen. Von den Tätern heißt es zuweilen, sie würden nur nach außen hin stark auftreten. Der norwegische Psychologe Dan Olweus, der als Gründervater der Erforschung von Gewalt an Schulen gilt, bewies jedoch in mehreren Analysen, dass klassische Täter weniger furchtsam und impulsiver als andere sind und ein starkes Bedürfnis haben, andere zu dominieren. Mitläufer hingegen sind eher unsicher und wollen vorbeugen, dass sie selbst gehänselt werden.

Sowohl Laura als auch Emil berichten von ein und demselben Jungen, der sie über Jahre hinweg schikanierte und alle anderen gegen sie aufhetzte. Als die beiden Opfer sich auf dem Schulhof zusammentaten, wurde es ein wenig besser. "Aber sie riefen uns immer 'verliebtes Ehepaar' hinterher", erzählt Laura. "Manchmal versuchten sie auch, uns zu überreden, einander zu verraten. Einmal wollten sie, dass ich Emil etwas klaue." Laura tat es nicht, daraufhin landete ihr Mäppchen im Müll.

Die Lehrer waren keine große Hilfe. Manchmal mussten Laura und Emil für Vergehen nachsitzen, die sie nicht begangen hatten. "Die mobbenden Kinder waren allesamt intelligent und stammten aus sogenannten guten Familien. Sie wussten genau, wie man Erwachsene um den Finger wickelt", sagt Emils Mutter, die daraufhin alle paar Wochen zum Schulgespräch ging, um die Einführung von Gewalt-Präventionstrainings bat oder die Eltern der Mobber ansprach. Auch Lauras Mutter redete mit den Lehrern – alles ohne Erfolg. "Man hat so extreme Gefühle, wenn dem eigenen Kind so etwas passiert. Brutaler Hass und völlige Hilflosigkeit wechseln sich ständig ab", gibt sie zu.

Der Mobbing-Experte und ehemalige Schulrektor Karl Gebauer schreibt in einer Abhandlung: "Mobbingprozesse laufen meistens so ab, dass sie von allen Schülern einer Klasse – nicht aber von den Lehrerinnen und Lehrern – wahrgenommen werden. Mobber wollen treffen, aber selber nichts abbekommen. Wenn Lehrkräfte eine solche Situation nicht richtig einordnen, dann gerät das Opfer in eine hoffnungslose Lage." Eine erfolgreiche Bearbeitung von Mobbing sei in erster Linie abhängig von der emotional-sozialen Kompetenz der Lehrkräfte. "Mobbingprozesse zeichnen sich durch eine große Komplexität aus. Hier kann ein Lehrer schnell an seine Grenzen kommen. Von daher sollte jede Schule über ein Mobbing-Interventionsteam verfügen."

Für Laura und Emil hat das Leid ein Ende gefunden, weil die Eltern hinter ihren Kindern standen. Wegen seiner immer stärker werdenden Tic-Störung kam Emil vorübergehend in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine Woche, nachdem er seine Klasse verlassen hatte, verschwanden die Tics vollständig. Daraufhin wechselte er die Schule. In seiner Abwesenheit drangsalierte die Klasse Laura so stark, dass auch ihre Mutter einen Schulwechsel beantragte. Beide Kinder besuchen nun Schulen mit speziellen Gewalt-Präventionsangeboten. Dort werden sie nicht mehr gemobbt. "Die Schulpsychologin sagte mir aber, Laura hätte so wenig Erfahrung mit ganz normaler sozialer Interaktion, dass sie eine Psychotherapie braucht", sagt Lauras Mutter. Emil hat ebenfalls immer noch Schwierigkeiten, sich auf andere Kinder einzulassen und Konflikte zu verarbeiten. Es wird Jahre dauern, bis er und Laura das Mobbing verarbeitet haben. Vergessen werden sie es nie.

Vorbeugen und helfen

Selbstbewusste Kinder werden seltener Opfer von Mobbingattacken. Sportarten wie Judo oder Boxtraining machen stark. Aber auch Mannschaftssport wie Fußball tragen zur Integration in eine Gruppe bei. Wer etwas kann, ist meistens auch anerkannt.

  • Eltern sollten ihren Kindern deutlich zeigen, dass sie keine Schuld an der Situation tragen. Sie sind gut, so wie sie sind!
  • Hilfe von außen ist unbedingt notwendig. Bei verbalem Mobbing sollten Eltern die Schulleitung informieren, bei Prügeleien auch die Polizei einschalten. Es muss zum Thema in der Schule werden, dass Mobbing eine Straftat ist. Opferberatungsstellen und Schulpsychologen sind weitere geeignete Ansprechpartner.
  • Schulen benötigen ein Mobbing-Interventionsteam bzw. Gewalt-Präventionstrainings für alle Beteiligten. Dagegen sollte sich keine Schulleitung verweigern.