Forum für Emanzipation: Arbeitsministerin Andrea Nahles über Mütterrente, Familienfreundlichkeit und ihre Beweggründe, in die kfd einzutreten

Interview von Barbara Leckel und Nikola Hollmann

Frau und Mutter: In der Opposition wollte Ihre Partei, die SPD, die Mütterrente eigentlich gar nicht. Als Sozialministerin hatten Sie nun die Aufgabe, sie umzusetzen. Sind Sie inzwischen davon überzeugt?
Andrea Nahles: Es ging weniger um das "Ob" als um das "Wie". Ich hatte nie etwas gegen bessere Rentenleistungen für Mütter. Im Gegenteil: Wie die große Mehrheit der Menschen in Deutschland war und bin ich dafür, dass die Mütter für ihre Erziehungsleistungen eine Anerkennung bekommen, die über den einen Rentenpunkt hinausgeht, den es vorher gab. Aber ich verstehe Vorbehalte gegen eine Finanzierung dieser Aufwertung alleine aus Rentenbeiträgen. Deswegen haben wir auch einen Mix aus beidem: Neben Beitragsgeldern fließen in die Mütterrente auch beträchtliche Steuermittel, die sich gerade Richtung Ende dieses Jahrzehnts dann nochmal deutlich erhöhen. Es war übrigens auch die Beharrlichkeit der katholischen Frauen, die dazu geführt hat, dass die Mütterrente im Koalitionsvertrag vereinbart wurde.

Die kfd bekommt seit Einführung der Mütterrente viel Post von Frauen, die auf einen Vorteil durch die Mütterrente gehofft hatten und nun ernüchtert feststellen, dass die Rentenansprüche so aufeinander verrechnet werden, dass am Ende für sie persönlich nichts gewonnen ist. Für die kfd ist das einer der Gründe, warum sie an dem Rentenmodell der katholischen Verbände festhält. Dort gibt es die Idee der beitragsfinanzierten Sockelrente, die nicht verrechnet wird. Was halten Sie von diesem Modell? Können Sie sich vorstellen, dass ein solches Modell diese Gerechtigkeitsfragen lösen könnte?
Die Mütterrente ist keine komplett neue Rentenart, deshalb gelten für sie die bekannten gesetzlichen Regeln. Aber Sie haben recht: Das Rentenpaket allein ist keine Antwort auf die Frage, wie wir Altersarmut in Zukunft besser bekämpfen. Dieses Thema wird uns weiter beschäftigen. Bei allem, was wir da diskutieren werden, müssen wir aus meiner Sicht aber das Grundprinzip unseres Rentensystems im Auge behalten: Die Höhe der Rente bemisst sich nach der Höhe der eingezahlten Beiträge. Dieses Äquivalenzprinzip hat sich in der Geschichte der Bundesrepublik bewährt. Es verschafft der Rentenversicherung Legitimität. Deshalb finde ich die Mütterrente auch gut, weil ihr eine Leistung zugrunde liegt, nämlich die Erziehung und das "da sein" für Kinder.

In eine ähnliche Richtung geht ja auch die Forderung des Rentenbündnisses der katholischen Verbände, Pflegezeiten in der Rente anzuerkennen – analog zu den Erziehungszeiten. Denken Sie über solche Schritte nach?
So etwas würde aus meiner Sicht jedenfalls der Grundlogik entsprechen und keinen Bruch mit den Grundprinzipien des Rentensystems bedeuten. Die Anerkennung von Pflegeleistungen würde da hineinpassen, und auch das betrifft überdurchschnittlich viele Frauen, von deren Leistung unser Land sehr profitiert. Was ich an dem Konzept der katholischen Verbände als sehr zeitgemäß empfinde, ist die Idee, den Kreis derjenigen, die in das gesetzliche Rentensystem einzahlen, zu verbreitern. Wir müssen in der Perspektive darüber nachdenken, ob und wie wir zum Beispiel  Kleinstselbstständigen, die sich nicht anderweitig für das Alter absichern können oder wollen, einen Schutz in der gesetzlichen Rentenversicherung verschaffen.

Noch einmal zurück zu der Anrechnung von Pflegezeiten: Gibt es da schon konkrete Überlegungen?
Solche Strukturfragen, wie eben am Beispiel der Solo-Selbstständigen beschrieben, müssen wir angehen. Die Möglichkeiten, umfangreiche zusätzliche Mittel für die Finanzierung neuer Leistungen locker zu machen, sind allerdings in dieser Legislaturperiode sehr begrenzt, das sage ich offen dazu.  

Pflege und Erziehung sind nach wie vor etwas, was in der Regel die Frauen leisten. Infolgedessen arbeiten nur 40 Prozent der erwerbstätigen Frauen Vollzeit, wie aktuelle Zahlen aus Ihrem Haus belegen. Ihre Kabinettskollegin Manuela Schwesig plant jetzt das Entgeltgleichheitsgesetz. Hoffen Sie, dass das tatsächlich zu mehr Lohngerechtigkeit führen kann, und damit indirekt auch zu einer stabileren Rente für Frauen?
Wir brauchen ein Entgeltgleichheitsgesetz, ganz klar. Einige der Unterschiede bei den durchschnittlichen Löhnen für Männer und Frauen haben Ursachen woanders, aber eben nicht alle. Da müssen wir ran. Wenn sich so die Frauenlöhne verbessern, heißt das auch bessere Renten für Frauen. Und neben den Löhnen spielt die Arbeitszeit eine Rolle: Wir haben die bestausgebildete Frauengeneration in der 
Geschichte – und viele dieser top ausgebildeten Frauen hängen in der Teilzeitfalle. Wir haben dafür gesorgt, dass man mit einem klaren Anspruch in Teilzeit kommt. Aber wenn frau dann nach den ersten Jahren der Erziehung wieder aufstocken möchte, läuft sie gegen eine Wand. Wir brauchen einen Rechtsanspruch, die Arbeitszeit flexibel wieder zu erhöhen. Ich möchte, dass mehr Frauen mehr Stunden erwerbstätig sein können, wenn sie das wollen. Auch das trägt dann zu einer besseren eigenen Rente im Alter bei.

Sie sprachen Anfang des Jahres davon, dass Sie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu Ihrem Jahresthema machen wollen, und Sie sprachen von einem "Vollzeit-Ideal", das Sie für nicht zukunftsfähig halten …
In der Tat wird in unserer Gesellschaft, auch in meiner eigenen Partei, oft ein Idealbild von zwei Vollzeit arbeitenden Eltern gezeichnet, dabei sind das dann in Wirklichkeit eher vollzeiterschöpfte Eltern. Die Familien, in denen beide Eltern Vollzeit arbeiten, sind eine verschwindende Minderheit. Warum wohl? Die Menschen bekommen doch keine Kinder, um sie dann dauernd wegzuorganisieren. Sie bekommen Kinder, um mit ihnen zusammen zu sein und zu leben, um gemeinsam älter und groß zu werden. Das eigentliche Problem ist, dass Arbeit so ungleich und nicht partnerschaftlich verteilt wird. Viele Väter würden ihre Kinder gern öfter und intensiver erleben, viele Mütter würden gern weg von der reinen oder hauptsächlichen Familienarbeit und sich stärker in ihrem Beruf engagieren. Anstatt des Ideals doppelter Vollzeit sollten wir die Arbeit gleichmäßiger über den Lebensverlauf und zwischen den Geschlechtern aufteilen.  Eine Familienarbeitszeit, wie sie Manuela Schwesig vorgeschlagen hat, wäre ein guter Weg.

Sie sprechen von Familienfreundlichkeit und haben selbst ja keinen familienfreundlichen Job. Sie haben stets gesagt, dass Sie versuchen, jedes Wochenende zu Hause zu verbringen. Ist dies denn nach wie vor möglich, und sehen Sie Ihre Tochter regelmäßig?
Um Himmels Willen, ja! Ich sehe sie auch meistens noch in der Woche. Ich habe das große Glück, dass die Hälfte des Arbeitsministeriums in Bonn ist, und ich wohne in der Eifel. Ich mache so oft wie möglich einen sogenannten Bonn-Tag, da kann ich morgens meine Tochter in den Kindergarten bringen und bin nachmittags wieder zu Hause. Das ist für uns alle sehr schön. Und auch die Bonner Mitarbeiter freuen sich, weil sie wieder mehr mit der Ministerin in Kontakt sind.

Sie leben in Ihrem Heimatort?
Ja. Wir haben da einen Kindergarten mit etwa 25 Kindern. Außerdem gibt es eine Zwergschule, die schon mein Opa besucht hat, dann meine Mutter, später ich selbst – und jetzt eben meine Tochter. Ich arbeite in Berlin, aber ich lebe nicht dort. Das ist ein Riesenunterschied. Natürlich fliege ich sehr viel hin und her. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, meine Tochter in dem Dorf groß werden zu lassen, in dem ich selbst groß geworden bin. Das Landleben als Kontrast zum hektischen Berliner Politik- und Großstadtbetrieb ist für mich eine gute Lösung. Hektisch werde ich dann, wenn sich an einem Freitagnachmittag das Heimkommen verzögert, weil unerwartet noch ein Termin ansteht oder auf der Autobahn ein Stau ist – das knabbert dann richtig an mir.  

Woher nehmen Sie die Kraft und die Motivation für Ihre Arbeit?
Wir leben in einem guten Gesellschaftssystem, in einer funktionierenden Demokratie mit vielen Freiheiten und Möglichkeiten. Da möchte ich etwas zurückgeben und meinen Teil beitragen, dass das weiter funktioniert. Ich habe einfach irgendwann angefangen, mich zu engagieren: erst in der Schule, dann in Initiativen und in der Politik. Und es gibt auch einen Arbeitsethos, den haben mir meine Eltern beigebracht. Ich stamme aus einer Handwerkerfamilie, da war Arbeit selbstverständlich. Meinen Karl May durfte ich erst lesen, wenn ich alles andere erledigt hatte. Das hat mich geprägt.  

Aber man hat ja nicht nur Freunde in der Politik …
Ja, diese Erfahrung habe ich durchaus gemacht, vielleicht intensiver als andere. Es gibt Tage und Situationen, da empfinde ich Kritik, die ins Persönliche geht, als Belastung. Aber es gibt viele Tage und Phasen, in denen ich schwierige Diskussionen, Widerstand und Gegenwind als Ansporn empfinde. Dann denke ich: Jetzt erst recht! Ich habe unterm Strich sehr viel Freude daran, die Gesellschaft mitzugestalten.

Zum Abschluss: Sie sind im vergangenen Jahr Mitglied der kfd geworden. Was verbinden Sie mit der katholischen Frauengemeinschaft?
Es ist eigentlich das, was ich in meinem Dorf erlebt habe: Über viele Jahre hinweg habe ich die Aktivitäten der kfd bei uns in der Gemeinde mitbekommen, auch meine Mutter war aktiv und die Nachbarin und ganz viele andere Frauen. Es gab immer eine sehr gute Betreuung für Senioren, viele Freizeitaktivitäten, verschiedene Angebote. Ich bin selber Messdienerin gewesen, war später beim Bund der deutschen katholischen Jugend, da war die Mitgliedschaft im Frauenverband fast vorgegeben. Ich hatte aber auch ganz konkret tolle Erlebnisse mit der kfd bei Katholikentagen. Der spontane Entschluss, Mitglied zu werden, kam dann im Zelt der kfd beim Katholikentag in Regensburg.

Es gibt ja leider immer noch das Vorurteil, ein solcher Verband sei nur ein Kaffeekränzchen-Club …
Nein, wissen Sie, meine Nachbarin hat mir mal erzählt, dass sie früher mit ihrem Mann darüber verhandeln musste, ob sie am Möhnentag, also an Weiberfastnacht, mitgehen und ordentlich feiern durfte. Die kfd war und ist so wichtig, weil sie Frauen hilft und unterstützt, ihr Ding zu machen, für viele Frauen ist die kfd ein Forum für Emanzipation. Ich finde das wichtig und richtig, und deshalb unterstütze ich das von ganzem Herzen.

FRAUEN. MACHT. ZUKUNFT.

Überall in Deutschland bereiten sich Frauen darauf vor, neue Mitglieder für die kfd zu gewinnen. An vielen Orten sind bereits Erfolge zu verzeichnen. Das wohl prominenteste Neumitglied ist die Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles. Die 1970 in Mendig in der Eifel geborene SPD-Politikerin 
ist seit 1998 – mit einer Unterbrechung zwischen 2002 und 2005 – Mitglied des Deutschen Bundestages.

Wer sich für die Mitgliederwerbekampagne interessiert, kann sich unter  www.frauen-macht-zukunft.de oder bei den kfd-Diözesangeschäftsstellen informieren.


Das Rentenmodell der katholischen Verbände

Folgende Forderungen zur Weiterentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung bringt das Modell in die politische Diskussion ein:

  • Stärkung des umlagefinanzierten, solidarischen und leistungsbezogenen Systems der gesetzlichen Rentenversicherung,
  • Verhinderung von Altersarmut durch die existenzsichernde Sockelrente,
  • eigenständige Alterssicherung für Frauen und Männer,
  • bessere Anerkennung der Erziehungs- und Pflegeleistungen,
  • Einbeziehung weiterer Personenkreise in die gesetzliche Rentenversicherung,
  • ergänzende betriebliche Altersvorsorge als Regelfall für alle Erwerbstätigen.

Träger des Rentenbündnisses sind neben der kfd die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands, der Familienbund der Katholiken, das Kolpingwerk Deutschland und die Katholische Landvolkbewegung 

Deutschland. 

www.buendnis-sockelrente.de