Unnatürliche Natürlichkeit

Was passiert, wenn die Beihilfe zum Suizid offiziell erlaubt wird?

Von Fulbert Steffensky

"Nicht durch die Hand eines anderen sollen die Menschen sterben, sondern an der Hand eines anderen", sagte der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler. Ich stimme dem Satz zu, aber damit sind noch nicht alle Fragen beantwortet. Die grundsätzlichere Frage heißt: Darf ein Mensch seinem Leben ein Ende setzen, wenn es nur noch Mühe und Elend ist? Daraus ergibt sich die Antwort auf die zweite Frage: Darf ein anderer ihm dabei helfen?

Darf ein Mensch sich selbst töten? Viele geben darauf eine einfache Antwort: Gott ist der Herr über Leben und Tod. Diese Antwort ist schön, und trotzdem löst sie nicht alle Fragen. Es ist zunächst ein abstrakter Satz. Aber ich sehe einen konkreten Menschen vor mir, gelähmt vom Halse abwärts. Er verliert immer mehr seine sozialen Kontakte und er weiß, dass seine Lähmung fortschreitet. Er weiß, dass er bald an eine Herz-Lungen-Maschine muss. Er empört sich und verlangt die Würde seines eigenen Todes. Er hat sich lange mit der Möglichkeit einer Selbsttötung beschäftigt, er hat es oft mit Menschen, die ihm nahe sind, besprochen, und sein Todeswunsch kommt nicht aus einer Augenblicksstimmung. Er ist Christ und weiß sich auch mit dem Plan seiner Selbsttötung in der Hand Gottes. Was würde ich ihm sagen? Raten kann ich ihm zu nichts, denn ich bin nicht in seiner Lage und kenne nicht seine Schmerzen.

Kann der Satz "Gott ist der Herr über Leben und Tod" zu einem ehernen Gesetz werden? Gibt es überhaupt solche ehernen Gesetze, die das Handeln regeln unter Absehung von der konkreten Situation und den realen Schmerzen eines Menschen? Du sollst niemandem Leid zufügen, nicht einmal dir selber, heißt das Grundgesetz des Christentums. Aber fügt er sich mit seiner Tötung Leid zu, oder erlaubt er sich den Weg der Erlösung und der Befreiung von seinem unerträglichen Schicksal? Mir sind alle glatten Antworten zuwider, sowohl die eine, die das Recht auf die absolute Selbstbestimmung postuliert, wie auch die andere, die auf der Unverfügbarkeit des Lebens und des Todes beharrt. Ich gestehe, ich komme über die Fragen nicht hinaus.

Ich habe andere Fragen. Was wird aus den Menschen, wenn sie zu fast vollkommenen Schöpfern ihrer selbst werden und wenn von Geburt bis zum Tod alles in unserer Hand ist? Die pränatale Diagnostik kann die genetische Behinderung des Kindes im Mutterleib bestimmen. Dann darf der Fötus entfernt werden. Die synthetische Biologie ist dabei, den maßgeschneiderten Menschen herzustellen. Woher aber haben wir das Maß? Haben unter diesem Maß nur die Gesunden, Intelligenten, Schönen und Verwendungsfähigen ein Lebensrecht? Wir sind nicht nur die Hersteller unserer selbst geworden, sondern auch die Züchter der Natur, deren Herren und Meister wir immer stärker werden. In welche "schöne neue Welt" geraten wir, wenn von der Geburt bis zum Tod alles in unsere Hände gegeben ist? Was verwerfen wir an uns und anderen, was fördern wir, wenn alles unseren Machenschaften unterworfen ist? Ich möchte nicht in einer Welt leben, die nicht mehr Gottes Schöpfung, sondern unsere eigene ist.

Ich befürchte, dass der Gedanke und die Praxis der Selbsttötung geläufig werden und eine unnatürliche Natürlichkeit gewinnen. Ich habe am Anfang gesagt: Ich schweige, wenn jemand aus absoluter Verzweiflung sich das Leben nimmt. Ich schweige und ehre seinen Entschluss. Es könnte aber sein, dass es schlicht ein modischer Gedanke wird, dass man gehen kann, wenn es einem nicht mehr passt und das Leben lästig wird. Es legt uns der Zwang, glücklich und selbsterfüllt zu sein, den Gedanken nahe, dass das Leben wertlos ist, wo das Glück schwindet. Was heißt es, wenn die Vermeidung des Schmerzes und der Last des Lebens erstes Prinzip wird? Eine mit mir befreundete Pfarrerin bekam kürzlich einen Anruf eines noch nicht sehr alten Mannes, der fragte, ob sie in vier Wochen an dem und dem Tag Zeit hätte: Er wolle sich das Leben nehmen und habe für diesen Termin seine Beerdigung geplant. Er schien nicht besonders verzweifelt und geplagt, er hatte einfach keine Lust mehr. Er fühlte sich als Herr seiner selbst. Aber ist das wirklich selbstbestimmtes Verhalten – sich unter das Diktat seines eigenen Lust- oder Unlustgefühls zu stellen?

Wenn die Selbsttötung Mode wird, würde man sie natürlich auch von denen erwarten, die anderen eine Last werden. Eine erstaunliche Zahl von alten Leuten spielen mit dem Gedanken der Selbsttötung, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Was wird aus einer Gesellschaft, die befreit sein will von der Last der Alten, der Kranken, der nicht mehr Verwendbaren und der Behinderten? In einem Schulbuch aus der Nazizeit finde ich folgende Rechenaufgabe: "Ein Geisteskranker kostet die Volksgemeinschaft täglich elf Reichsmark. Berechne, wie viel 13 Geisteskranke die Gemeinschaft in fünf Jahren kosten. Berechne weiter, wie viele Siedlungshäuser man dafür bauen könnte, wenn  ein Haus 22.000 RM kostet." Die Kranken, so setzt das Buch voraus, haben keinen geheimen Namen mehr, der dem Namen Gottes gleicht. Sie sind zu einem Kostenfaktor geworden. Ihre Gesundheit und ihre Verwertbarkeit machen sie aus, ihre Leistungsfähigkeit, ihre Stärke, ihr Denkvermögen. Kann der Mensch sich durch diese Faktoren nicht rechtfertigen, kann er ausgemerzt werden. Wer sich nicht durch sich selbst rechtfertigen kann, ist ersetzbar.

Und doch ist es ungerecht, bei der heutigen Diskussion um das Recht auf Selbsttötung und Sterbehilfe das brutale Gedankengut der Nazis zu vermuten. Sie geht nicht von der Unterscheidung von lebenswertem und nicht lebenswertem Leben aus. Alle Stimmen fragen nach der Würde des Menschen, niemand nach seiner Verwertbarkeit. Zu dieser Würde gehört das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf Glück, also das Recht darauf, nicht unmäßig von Leiden gequält zu sein. Es ist also gerade die Hochachtung vor dem Subjekt und seiner Entscheidung, die die Diskussion um die Sterbehilfe heute bestimmt, und zwar bei fast allen, die sich dazu äußern.

Dass damit die Probleme nicht gelöst sind, zeigt die Praxis der Sterbehilfe in den Niederlanden. Dort gibt es die liberalsten Gesetze. Die Debatte dort fing an über die Sterbehilfe für leidende Menschen, die in voller Klarheit ihren Tod wünschen. Aber sie hat sich ausgeweitet. Im Jahr 2003 wurde im sogenannten Groninger Protokoll festgelegt: Aktive Sterbehilfe – oder mit einem klareren Namen genannt: die Tötung eines Neugeborenen – darf erfolgen, wenn sein Leiden schwer und unheilbar und wenn sein Überleben nur kurze Zeit möglich ist. Die Praxis weitet sich aus. Im Jahr 2010 gab es etwa 300 Fälle von Sterbehilfe ohne Verlangen, also bei Menschen, die gar nicht in der Lage waren, der Beendigung ihres Lebens zuzustimmen. Wo wird es enden? Die Kirchen sind in ihren Positionen langsam und konservativ. Man braucht heute ihre störende Langsamkeit gegen die sich anbahnende Geläufigkeit der Sterbehilfe, selbst wenn ihr Wort in dieser Frage nicht das letzte ist.

"Leben bis zuletzt"

kfd-Aktion gegen Beihilfe zum Suizid

Die kfd ruft ihre Mitglieder dazu auf, sich aktiv an der aktuellen Debatte um Beihilfe zum Suizid zu beteiligen (Frau und Mutter berichtete). Die Bundesversammlung hat im vergangenen Jahr eine Erklärung verabschiedet, in der jede organisierte Form der Beihilfe abgelehnt wird. Gleichzeitig fordert der Verband, den Ausbau der palliativmedizinischen Versorgung konsequent voranzutreiben.
Auf seiner Internetseite www.kfd.de sind viele Informationen zusammengetragen, darunter auch die bisher bekannten Entwürfe der Bundestagsabgeordneten. Sobald Gesetzentwürfe vorliegen, werden auch diese eingestellt, außerdem Musterbriefe, mit denen die lokalen Abgeordneten angeschrieben werden können.