Das Klopfen an der Tür ist ein Segen

oder: Was werden unsere Enkel über uns erzählen?

von Fulbert Steffensky

Ich habe vor kurzem eine Ausstellung mit dem Titel "Besa besucht. Sie erinnert in Bildern und Texten an die Rettung jüdischer Flüchtlinge in Albanien während der Zeit der Besetzung des Landes durch die Deutschen ab 1943. Albanien ist ein kleines Land mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit. Es hatte zu jener Zeit nicht einmal eine Million Einwohner. Fast alle Juden und Jüdinnen, die während der deutschen Besetzung auf albanischem Staatsgebiet lebten, wurden gerettet. Dabei spielte es keine Rolle ob sie albanischer oder ausländischer Herkunft waren. Ihre Unterstützung gründete sich auf "Besa", einem ethischen Prinzip, das bis heute seine Gültigkeit in der albanischen Gesellschaft hat. Besa bedeutet "ein Versprechen halten", Menschen in Not zu helfen, das Leben dieser zu schützen, ohne Rücksichtnahme auf die eigene Gefährdung. Diese Hilfeleistung ist eine Frage der Ehre.

Ich lese, was die Kinder und Enkel über ihre Väter und Mütter sagen, die damals unter Lebensgefahr die jüdischen Flüchtlinge retteten. Hamid und Xhemal Veseli erzählen:
"Unsere Eltern waren strenggläubige Muslime und glaubten wie wir auch, dass jedes Klopfen an der Tür ein Segen Gottes sei. Wir haben nie Geld von unseren jüdischen Gästen genommen. Alle Menschen kommen von Gott. Besa existiert in jeder albanischen Seele."

Drita Veseli schreibt:
"Unser Haus ist in erster Linie Gottes Haus, in zweiter Linie das Haus unserer Gäste und erst an dritter Stelle das Haus unserer Familie. Der Koran lehrt uns, dass alle Menschen – Juden Christen und Muslime – unter dem einen Gott stehen."

Eine andere Stimme:
"Als die Italiener im Jahr 1943 kapitulierten und die Deutschen in das Gebiet kamen, war mein Vater erst 12 Jahre alt. Sein Vater – mein Großvater – hatte einen Laden in Tirana. Mein Großvater und mein Vater brachten siebzehn verängstigte Juden aus Tirana heraus. Zwölf Stunden lang ritten sie auf Pferden zu dem Dorf Quarrishta, mein Vater war barfuß. Die Juden wurden in einer großen Scheune in den Bergen in der Nähe des Dorfes versteckt. Später kamen noch einige Juden dazu."

Das also erzählen jene Kinder und Enkelkinder von ihren Vorfahren. Für die Nachkommen sorgen heißt nicht nur, dafür zu sorgen, dass sie zu essen und zu trinken haben und dass sie gefahrlos ihr Leben meistern können. Für die Kinder sorgen heißt auch, ihnen etwas zu erzählen zu geben. Sie lernen, dass das Leben gut ist, wenn sie etwas über die Güte ihrer Väter und Mütter zu sagen wissen. Es ist nicht nur eine sentimentale Erinnerung, wenn Menschen sagen können: Ich hatte einen guten Vater, ich hatte eine gute Mutter. Sie lehren ihre Kinder mit dieser Erinnerung, dass man in diesem Leben leben kann und nicht in Zweifel und Selbstzweifel ersticken muss.

Umgekehrt: Wir wissen von vielen Kindern, deren Eltern in Naziverbrechen verstrickt waren, dass sie nicht loskommen von der Qual der Erinnerung an die Taten ihrer Vorfahren. Sie haben von ihnen nichts Gutes zu erzählen, und das zieht den Sinn und die Geborgenheit ihres eigenen Lebens in Zweifel.

Ich frage mich, was meine Kinder und Enkel von mir zu erzählen haben. Wärmen ihre Erinnerungen ihr Leben oder lassen sie es vereisen? Ich frage dies nicht nur für mich allein. Ich frage meine Generation von Vätern und Müttern, die Väter und Mütter meines Landes: Was werden sie über uns erzählen? Welche Geschichten der Lebensrettung werden sie über uns erzählen, und werden ihre Erzählungen klingen wie die der albanischen Kinder? Erzählen sie wie jene albanischen Kinder mit Stolz die Geschichten ihrer Vorfahren? Können sie sich daran erinnern, dass ihre Pfarreien die Kirchentüren geöffnet haben für die Mütter und ihre Kinder aus Syrien? Können sie sich erinnern, dass ihre Eltern demonstriert haben für die Aufnahme der Männer aus Nigeria, die ihren Folterknechten entkommen konnten?

Vielleicht haben sie aber auch andere, bittere Erinnerungen. Vielleicht müssen sie sich sagen: Unsere Väter haben zwar gelesen, dass 3419 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken, an Bord verdurstet oder in Dieselabgasen erstickt sind. Aber die Zahlen haben ihr Herz nicht erreicht. Vielleicht erzählen sie, unsere Mütter haben zwar in den Bildern der täglichen Nachrichten die Leichen auf dem Meer treiben sehen, aber sie haben ihre Hände nicht gerührt. Sie haben nicht zugehört, wenn die Überlebenden von ihrer Armut erzählten? Vielleicht schämen sie sich ihrer Herkunft und sagen: Sie haben gesehen und nichts gesehen. Sie haben gehört und nichts gehört. Sie haben gewusst und hatten kein Gewissen. Der Sohn eines hohen Nazis hat von seinem Vater gesagt: Ich werde ihm nie vergeben können. Was, wenn unsere Kinder das einmal über uns sagen: Wir werden ihnen die Härte ihres Herzens und der Stummheit ihres Gewissens nie vergeben können? Was werden unsere Kinder über uns erzählen? Unsere Taten und unsere Unterlassungen stehen vor ihrem Gericht.

Die albanischen Muslime, von denen die wunderbaren Rettungsgeschichten erzählt werden, hätten ihre Türen und ihre Herzen auch verschließen können. Sie hätten sagen können, unser Boot ist voll, und hätten die Flüchtlinge auf ihren übervollen Booten umkommen lassen können. Man findet immer Erklärungen für die eigene Herzenstaubheit. Sie hätten erklären können: Wir bringen unsere eigenen Familien in Gefahr. Man braucht ja immer Erklärungen und Rechtfertigungen für die eigene Verstocktheit. Es gibt kein Unrecht, das man einfach und ohne Selbstrechtfertigung begeht. Es gibt kein Unrecht, das sich nicht die Maske des Rechtes oder der Unausweichlichkeit umbindet.

Der Mensch will mit sich im Reinen sein, und so sucht er sich Argumente für seine Schandtaten und wird damit vor sich selbst unkenntlich. Fast aussichtslos für die Erkenntnis der Wahrheit und für die Tat der Barmherzigkeit ist es, wenn die meisten die gleiche Maske tragen und sie einstimmig sagen: Das Boot ist voll, und wir können nichts machen. Was alle tun und was überall geschieht, bekommt eine fast naturhafte Geläufigkeit. "Unsichtbar macht sich die Dummheit, indem sie große Ausmaße annimmt", heißt es bei Bertolt Brecht. Was immer so war, was täglich geschieht, was alle tun und glauben, das legitimiert sich dadurch, dass alle es tun und das es immer so war. So entsteht die fatale Situation der Untat, die fast keine Subjekte hat, der Schuld, ohne dass sich jemand schuldig fühlt, und der Tat ohne Täter. Die Gewöhnung raubt das Gewissen. Das eben nennt die biblische Tradition Verblendung. Sündigen heißt nicht nur, gegen die eigene Erkenntnis und das eigene Gewissen zu handeln. Es heißt auch, kein Gewissen zu haben. Man ist nicht nur verantwortlich vor seinem Gewissen. Verantwortlich ist man auch  für sein Gewissen.

Die muslimischen Albaner, gegen die wir so gern unsere eigene Hochkultur ausspielen, haben sich keine bequemen Erklärungen ersonnen. Sie haben andere lebensrettende Sätze gekannt und haben gesagt: Jedes Klopfen an der Tür ist ein Segen Gottes. Alle Menschen kommen von Gott, haben sie gesagt, und "unser Haus ist das Haus unserer Gäste." Wo soll man eine "Hochkultur" suchen, wenn nicht dort?