So viel Leben

Ehrenamtliche begleiten Menschen im Hospiz

Von Regina Käsmayr

Jede Woche sterben im St. Elisabeth-Hospiz in Marburg durchschnittlich drei Gäste. Und doch sagen die Mitarbeiter, das Gebäude sei erfüllt von Leben. Das liegt an Menschen wie Dorothee Neubauer, die Sterbende auf ihrem letzten Weg ehrenamtlich begleiten. Sie erfüllen Herzenswünsche, backen Waffeln und sitzen schweigend am Bett.

"Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden. Morgen fahre ich in Urlaub."
"Dann werden wir uns nicht mehr sehen."
"Ich weiß. Ich werde Sie nie vergessen. Sie und die Gespräche, die wir geführt haben."
"Wie schön. Leben Sie wohl."

Der Tod wird nie zur Gewohnheit. Nicht einmal nach fast 17 Jahren Ehrenamt im Hospiz. Dorothee Neubauer kann den Tag nicht vergessen, an dem sie sich von der alten Dame verabschiedete, die sie zuvor wochenlang besucht hatte. Sie litt an der Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und hatte beschlossen, ihr Sterben nicht zu lange hinauszuzögern. Darum verweigerte sie die Aufnahme von Nahrung und Getränken. "Das war schwer auszuhalten", erinnert sich die ehrenamtliche Helferin. "Dennoch entstand in dieser Situation eine große Nähe und Vertrautheit zwischen uns. Sie hatte eine große Lebensweisheit und es war beeindruckend, mit welcher Klarheit, Würde und Stärke sie ihrem Ende entgegenging." Als Dorothee Neubauer aus ihrem Urlaub zurückkehrte, war die Frau tot. Wenn sie heute von ihr spricht, werden ihre Augen feucht. Die Erinnerung lebt weiter.

Als sie sich entschloss, ehrenamtlich im Hospiz tätig zu werden, war Dorothee Neubauer erst Mitte dreißig. Heute ist sie 53. Der Entschluss dazu fiel, nachdem die Großmutter ihres Mannes verstorben war. Während der letzten Wochen im Krankenhaus hatte sie viel mit der Sterbenden über ihren Tod gesprochen und über existenzielle Fragen nachgedacht. "Was soll das hier eigentlich, dieses Leben? Wozu werden wir geboren und warum sterben wir? Ich habe auch heute nicht unbedingt die eine schlüssige Antwort darauf, doch nach wie vor ist meine Bereitschaft da, mich diesen existenziellen Fragen zu stellen."

In ein Honigtöpfchen sei sie gefallen, sagt Neubauer über sich selbst. Von Klein auf stand sie immer auf der Sonnenseite des Lebens, hatte eine glückliche Kindheit, eine funktionierende Partnerschaft, gesunde Kinder, beruflichen Erfolg. Das war eine Motivation für ihren Entschluss: "Mir geht’s so gut. Ich möchte dort helfen, wo es Menschen existenziell schlecht geht. Das bereichert mein Leben und macht es wahrhaftig und ernst. Es schenkt mir eine enorme Tiefe."

Das St. Elisabeth-Hospiz in Marburg beherbergt maximal zehn Gäste. Manche sind nur wenige Stunden da, andere für Wochen oder mehrere Monate. Wenn es so weit ist und der Tod eingetreten ist, stellen die Mitarbeiter eine große Kerze in einer Glasfassung vor die Tür. Sie ist ein stilles Symbol für all diejenigen, die sonst unwissentlich den Raum betreten würden, mit einem Putzeimer vielleicht, einer Medikamentenschale oder dem Mittagessen. Diese Kerze bedeutet: Der Gast, der hier gewohnt hat, ist verstorben, aber sein Körper liegt noch hier. Dorothee Neubauer hat viele solcher Kerzen gesehen. Manchmal vor den Türen von Menschen, die sie gar nicht kannte. Manchmal vor der Tür eines Gastes, dem sie gerade seine Lieblings-CD besorgt hatte oder eine letzte Hausmacherwurst. "Ich vergegenwärtige mir immer wieder, dass ich mich sehr bewusst von einem Gast verabschiede, wenn ich gehe", sagt sie, "da es das letzte Mal sein könnte, dass ich ihn lebend antreffe."

Sich so intensiv mit dem Tod zu beschäftigen ist nicht immer leicht. Manche Erlebnisse und Begleitungen trägt man lange mit sich, hat Bilder im Kopf und vor Augen, die schwer sind. Dafür gibt es eine Supervision oder eine psychologische Begleitung für die Ehrenamtlichen. Und die Möglichkeit, auch mal Selbstschutz zu betreiben.

Denn im Gegensatz zu den hauptamtlichen Mitarbeitern haben die Ehrenamtlichen eher die Möglichkeit, sich Auszeiten zu nehmen und zum Beispiel zu sagen: "Ich möchte heute nicht in dieses Zimmer gehen, da ich fürchte, dass die Situation mich überfordert. Stattdessen räume ich heute die Spülmaschine aus oder unterstütze gerne bei anderen anfallenden Arbeiten."

So hilft man sich gegenseitig. Denn andersherum sind die Ehrenamtlichen für die Pfleger oft eine ausgeruhte Entlastung. Sie müssen sich auch vor niemandem rechtfertigen, wenn sie einen Gast einen halben Tag lang im Rollstuhl durch den Garten schieben. Es gibt keine Eile mehr und keinen Stress. Die Uhren laufen ganz anders.

"Ich habe Fotos gesehen. Sie sind mit Ihrem Oldtimer übers Gelände gefahren worden."
Nicken.
"Wo sind die Fotos? Ach ja, hier. Sie sehen gut aus auf diesem Bild. Leider konnten Sie nicht mehr selber fahren. Was für ein schöner Wagen!"
Schmunzeln.
"Ich denke oft an die Zeit, als sie noch sprechen konnten. Wir haben so viel miteinander gelacht. Manchmal hat es lange gedauert, bis ich Sie verstehen konnte. Aber auch darüber haben wir gelacht."
Lachen.

In welcher Fachrichtung der junge Gast seinen Doktor gemacht hat, weiß Dorothee Neubauer nicht mehr. Aber der Doktortitel steht vor seinem Namen am Türschild. Solche Dinge sind wichtig, wenn ein Mensch in Würde sterben will. So wichtig wie die individuellen Wünsche in den letzten Lebenswochen. Manchmal ist es eine Fahrt mit dem Oldtimer. Oder der Besuch des geliebten Hundes. Ein Saxophon-Konzert des Sohnes. Ein Glas Rotwein. Eine Portion Rühreier um Mitternacht. Auch Rauchen ist erlaubt, draußen auf dem Balkon. Alles, was geht, machen die Ehrenamtlichen möglich. Einige Gäste sind sehr gefestigt und sehen dem Tod gelassen entgegen. Andere klammern sich an jede Sekunde Leben und verweigern Gespräche über das Sterben. Jeder kann individuell bleiben.

Die 40 bis 50 Ehrenamtlichen – überwiegend Frauen in der zweiten Lebenshälfte –, die einen Vorbereitungskurs absolviert und ihre Arbeit im Hospiz aufgenommen haben, sind ebenso unterschiedlich wie die Gäste. So finden sich oft Paare, die gut zu- einander passen. Die einen sprechen miteinander über Sinnfragen. Andere backen lieber Waffeln und genießen sie zusammen. "Hier ist sehr viel Leben", betont eine Hauptamtliche. "Wir erleben immer wieder kleine, aber unheimlich intensive Momente voll Freude, Lachen und Geborgenheit." Wenn der Rest eines Lebens nur noch aus Tagen oder Stunden besteht, dann werden sie besonders kostbar.

Die meisten Ehrenamtlichen kommen einmal pro Woche. Oft ist der Gast, den sie das letzte Mal besucht haben, dann schon gestorben. Im Raum der Stille erinnert ein Flusskiesel mit seinem Namen und seinem Sterbedatum an ihn. "Wir müssen alle herausfinden, was wir von uns einbringen können, ohne daran zu zerbrechen. Dann verliert die Arbeit im Hospiz ihren Schrecken und macht uns dankbar", sagt Dorothee Neubauer. Aber auch sie muss sich jede Woche neu daran erinnern. Der Tod wird nie zur Gewohnheit.