Generation Plan

Junge Frauen heute zwischen Freiheit und Anpassung

Von Regina Käsmayr

Wild oder süß? Zerrissen oder adrett? Ehrgeizig oder bescheiden? Karriere oder Familie oder beides? Heutzutage ist alles möglich. Noch nie hatten Frauen so viel Raum, sich zu entfalten. Und noch nie haben sie sich trotzdem selber so sehr beschnitten. Junge Frauen erzählen über das Leben in einer Gesellschaft, die nur nach außen hin offen ist, und verraten, wie man mit einem klaren Plan trotzdem durchs Leben kommt.

Was wurde, was wird aus einem Mädchen, das lieber Bildhauerin werden will als Bürokauffrau? Die Entwicklung scheint offensichtlich: Die Großmutter wurde keines von beiden, denn ihr Platz war eindeutig bei den Kindern daheim. Die Mutter wurde Bürokauffrau, damit sie sich ein Zubrot verdienen konnte, um den Urlaub zu finanzieren. Die Tochter, so könnte man meinen, hat alle Möglichkeiten, um ihre Künstlerkarriere zu starten. Aber weit gefehlt.

"Nach außen hin ist unsere Gesellschaft sehr offen. Aber nach Innen sucht man die Sicherheit und das Altbewährte. Man geht nicht mehr über Grenzen, ist weniger experimentierfreudig und individualistisch", sagt die Soziologin Ursula Richter. Pragmatische Entscheidungen stehen allgemein über der Verwirklichung großer Träume. Natürlich gibt es sie, diese Lebenskünstlerinnen, von denen jeder zwei oder drei Beispiele kennt. Sie fliegen als Saisonarbeiterinnen um die Welt, verdienen sich ihr Geld als Animateurinnen und Clowns oder eröffnen tatsächlich ihre eigene Kunstgalerie in der heimischen Kleinstadt. Aber das sind die Ausnahmen.

Viktoria hat sich nicht getraut. Eigentlich hätte die 22-Jährige gerne Geschichte studiert oder ihr Hobby Zeichnen zum Beruf gemacht. Nach dem Abi entschloss sie sich stattdessen, Industriekauffrau zu werden. Die Begründung hört sich zunächst oberflächlich an: "Ich will erst mal Geld verdienen." Was hinter der „Geldgier“ steckt, die ihr manchmal vorgeworfen wird, weiß Viktoria ganz genau: "Niemals in meinem Leben will ich von einem Mann abhängig sein." Ihre Eltern sind getrennt, ihre Mutter bringt sich selbst und die Tochter seit Jahren alleine durch. Manchmal war es nicht leicht. Das hat beide Frauen geprägt.

"Niemals" ist ein Wort, das Viktoria oft benutzt. "Niemals" will sie betrogen werden, "niemals" vor Einsamkeit einen Putzfimmel entwickeln, "niemals" in eine Rolle gedrängt werden, die ihr nicht gefällt. Deshalb hat sie sich von einem Teil ihrer Träume verabschiedet und den Weg eingeschlagen, den viele junge Frauen gehen: den sicheren. Er garantiert vielleicht keine Höhenflüge, aber zumindest auch keine Abstürze.

Ein Absturz ist in Viktorias Augen auch das, was ihre Freundin gerade freiwillig durchlebt: Mit 22 Jahren zwei Kinder herumtragen, einiges an Kilos zunehmen und die Ausbildung an den Nagel hängen. Es gibt Frauen, die machen das gerne. Andere landen schleichend in einem Modell, das sie eigentlich abgelehnt haben. Die Gründe dafür sind immer die gleichen: Der Mann verdient mehr. Sie will eine gute Mutter sein. Die Familie und das Haus sind wichtiger als der Beruf.

Die Publizistin Bascha Mika hat in ihrem Buch "Die Feigheit der Frauen" einen klaren Sündenbock dafür gefunden, dass so viele intelligente, gut ausgebildete Frauen jahrzehntelang ihren Kopf nur noch zum Üben des kleinen Einmaleins benutzen: die Frauen selbst. Die schlüpften von ganz alleine in die "Weiblichkeitsfalle", sagt sie. "Sich abhängig zu machen, war schon immer ein weibliches Erfolgsrezept. Die alten Strukturen sichern uns einen Platz, den wir kennen. Ihn zu wählen, ist risikolos und bequem." Die Arbeitsteilung, die dabei zwischen Mann und Frau geschieht, sei immer gleich: "Er zahlt bar, sie mit Lebenszeit und Eigenständigkeit." Versuche eine Frau, aus diesem Konstrukt auszubrechen, seien es nicht nur die Männer, die ihr Druck machen. "Dafür sorgen auch Mütter, Freundinnen und anderes weibliches Personal", sagt Mika.

Viktoria sieht das nicht so. Zumindest noch nicht. Und bevor es so weit kommt, schmiedet sie bereits Abwehrpläne: "Im Laufe der nächsten zehn Jahre will ich viel erleben, die Welt sehen, meine sozialen Kontakte pflegen, vielleicht doch noch studieren und mehr Geld verdienen. Wenn ich dann den richtigen Partner finde, fange ich an, eine Familie zu planen und ein Haus zu bauen. Wir werden uns den Haushalt halbe-halbe aufteilen. Ich werde mich nicht aufopfern. Und wenn ich ein Kind habe, dann werde ich maximal eineinhalb Jahre zu Hause bleiben, bevor ich wieder arbeiten gehe – egal, was andere Leute darüber denken."

Klare Pläne sind eine Möglichkeit, um sich durch die Fülle an Lebensentwürfen zu manövrieren, die unsere Gesellschaft vermeintlich für Frauen bereit hält, obwohl die meisten Frauen am Ende doch nur auf der alten, eingefahrenen Schneise wandeln.

Anna-Lena ist 19 und hat eine Agenda für die nächsten 15 Jahre erstellt. Ihr Plan deckt sich fast völlig mit Viktorias. Der Unterschied:
"Mein Freund und ich haben bereits ausgemacht, dass er später zu Hause bleibt und die Kinder hütet." Als Informatiker wird er wahrscheinlich weniger verdienen als Anna-Lena als Grundschullehrerin, denken die beiden. Und der Freund hat damit kein Problem. Also sind die Meilensteine des Lebens jetzt schon akribisch festgelegt. Selbst der Zeitpunkt der Hochzeit steht schon. "Etwas unromantisch", wie Anna-Lena zugibt, soll sie stattfinden, sobald die Gefahr besteht, dass sie selbst nach ihrem Referendariat in eine andere Gegend versetzt werden könnte. Bis dahin wird so gut wie möglich gelebt und gespart. Das Ziel heißt: Unabhängigkeit. In ihrer Familie wird Anna-Lena deshalb scherzhaft als "Dagobert Duck" bezeichnet, aber sie lacht nur darüber. Unsicherheiten machten ihr Angst, sagt sie, und eine gute Organisation könne vorbeugen.

Eine echte Karriere steht für die frischgebackene Abiturientin nicht zur Diskussion. Als ihr Schulleiter sie zu sich rief und ihr wegen ihrer guten Noten in Mathematik nahelegte, lieber ins internationale Management zu gehen, anstatt an eine Grundschule, schüttelte sie nur den Kopf. "Klar wäre es erst mal cool, in einem Anzug herumzustöckeln und viel Geld zu verdienen. Aber das bin ich einfach nicht. Da würde ich depressiv werden."

Im Grunde haben es Viktoria und Anna-Lena gut getroffen. Denn sie können mit viel Einsatz und gutem Willen ihre klaren Ziele auch erreichen. Anders sieht das bei den Planlosen aus. Viele junge Frauen, die sich im Wirrwarr der Möglichkeiten nicht finden können, lassen sich stattdessen einfach treiben. Sie wirken nach außen hin cool und selbstbewusst, doch innerlich probieren sie mal dieses und mal jenes aus, nur um am Ende zu erkennen, dass ihr Lebensglück nicht dabei war. Dann passiert oft das, was nicht nur Bascha Mika in ihrem Bestseller beschreibt, sondern auch schon Anna-Lena mit ihren 19 Jahren weiß: "Wer weder in eine Schublade passt noch einen eigenen Weg findet und dazu dem allgemeinen Druck auf Leistung nicht standhält, ist irgendwann unten durch. Theoretisch steht uns die ganze Welt offen, aber praktisch ist es ganz anders. Dann landet man am Ende doch in einem altmodischen Rollenbild und gibt sich selber auf, ohne sich je gefunden zu haben."

Die Lösung? Sie klingt leider nicht ganz einfach. Bascha Mika rät ihren Leserinnen, sich lieber ein Pfund Mut als eine Tonne Ausreden zuzulegen. "Das ist mühsam und vielleicht schmerzlich und ganz sicher nicht nur lustig und cool – aber ohne Wagnis wird das nichts mit der Selbstbestimmung. Freiheit kann frostig sein, aber auch herrlich beglückend." Ganz egal, ob man sie nun durch einen Plan oder einen Ausbruch findet.