Erzieher/innen verzweifelt gesucht

Neue Kitas sind eingerichtet – doch viele Stellen noch unbesetzt

Von Bettina Levecke

Durch den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz benötigen viele Einrichtungen zusätzliches Personal. Jobangebote gibt es also mehr als genug. Doch es fehlt an Bewerberinnen – und erst recht an Bewerbern.

"Wir suchen händeringend nach guten Leuten." Miriam Strobl, Leiterin des Kita-Regionalverbundes Freising, klingt ein wenig resigniert. Strobl ist für zehn Einrichtungen zuständig und hat offene Stellen für ErzieherInnen, pädagogische Ergänzungskräfte und PraktikantInnen zu besetzen. Aber die Konkurrenz im Großraum München ist groß: "Sehr viele Kinderbetreuungseinrichtungen haben ihre freien Stellen noch nicht besetzt."

Seit dem 1. August 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf die Betreuung ihrer ein- und zweijährigen Kinder in einer Kindertagesstätte oder bei einer öffentlich geförderten Tagesmutter. Deutschlandweit wurde dafür gebaut und geplant. Jetzt sind die Kitas fertig, aber oft noch leer. Denn: Was nützt der schönste Kindergarten, wenn niemand da ist, der die Kinder betreuen kann? "Wir haben die Auswirkungen des Rechtsanspruches unterschätzt", gibt Miriam Strobl zu. "Jetzt holt uns die politische Entscheidung ein."

Nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen bundesweit 120.000 Erzieherinnen. Auch die Bundesagentur für Arbeit kennt das Problem. Doch von einem "Erziehernotstand" möchte Jürgen Wursthorn von deren Pressestelle noch nicht sprechen. Laut Statistik gebe es derzeit genug arbeitssuchende ErzieherInnen in Deutschland. "Auf 100 gemeldete Stellen kommen rund 370 Arbeitslose." Nur in Bayern und Baden-Württemberg deute sich ein leichter Fachkräftemangel an.

"Diese Zahlen entsprechen leider nicht der Realität", kommentiert Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. Er kritisiert die Statistik der Bundesagentur als unvollständig: "Was auf dem freien Markt passiert, wird von den Zahlen nämlich nicht dargestellt."

Rund 60.500 Kinderbetreuungseinrichtungen gibt es in Deutschland. Davon gehören 60 Prozent freien Trägern, zum Beispiel den Kirchen und Verbänden wie der Arbeiterwohlfahrt. Über die Bundesagentur für Arbeit nach Fachkräften zu suchen, kommt für die meisten von ihnen nicht in Betracht, sagt Hocke: "Die Träger haben die Erfahrung gemacht, dass die Bewerber und Bewerberinnen, die vom Arbeitsamt geschickt werden, häufig kein Interesse an den Jobs haben – weil sie zu alt oder zu krank sind oder sich dem Beruf nicht mehr gewachsen fühlen." Ein arbeitsloser Erzieher sei deshalb nicht automatisch ein arbeitsfähiger Erzieher, resümiert Hocke: "Fachkräfte, die heute in der Arbeitslosenstatistik geführt werden, haben in der Regel einen guten Grund dafür. Alle anderen finden auch ohne Vermittlung der Bundesagentur einen neuen Job."

In der Tat: Es gibt Stellenangebote in Hülle und Fülle. Das Internet listet zum Beispiel für Berlin über 660 offene Erzieherstellen, für Hamburg rund 530 und für München über 900 auf. Und die Einrichtungen suchen nicht nur nach gelernten ErzieherInnen. Die Stadt Köln spricht in ihren Stellenanzeigen auch Sozial- und HeilpädagogInnen sowie Bachelorstudierende der Sozialwissenschaften an. KinderpflegerInnen und SozialassistentInnen sind ebenso gefragt. In Baden-Württemberg beispielsweise wurde die Fachkräfteverordnung bereits aufgeweicht: Dort dürfen nach einem 25-tägigen Crash-Kurs in frühkindlicher Pädagogik und Entwicklungspsychologie nun auch DorfhelferInnen, Hebammen, PhysiotherapeutInnen oder KinderkrankenpflegerInnen in die Kitas. GEW-Experte Norbert Hocke betrachtet dies skeptisch: "Hier wird halb- oder noch gar nicht ausgebildetes Personal auf die Kinder losgelassen."

Niedriger Lohn schreckt ab

Ganz anders stellt sich die Situation bei den AbsolventInnen des Studiengangs "Bildung und Erziehung in der Kindheit" dar. Sie sind perfekt ausgebildet und könnten die Qualität der Arbeit in Kinderbetreuungseinrichtungen gezielt verbessern. Die ersten Auswertungen zeigen, dass rund 50 Prozent der AbsolventInnen eine Tätigkeit in einer Kita aufnehmen und dort sehr zufrieden sind. Ob sie jedoch auch langfristig bleiben oder in andere Bereiche von Bildung und Erziehung wechseln, ist derzeit noch nicht absehbar.

Professorin Regine Morys, Leiterin des Studiengangs an der Hochschule in Esslingen, glaubt, dass die niedrige Bezahlung in den Kitas zum Problem werden könnte: "In der Bezahlung wird nur die Tätigkeit und in keiner Weise die Ausbildung und Qualifikation berücksichtigt." Das heißt: Selbst wer viele Semester studiert hat und als staatlich anerkannter Kindheitspädagoge die Qualität einer Einrichtung maßgeblich verbessern könnte, erhält nur das tariflich festgelegte Erzieher-Gehalt. "Und das ist schon für Erzieher viel zu niedrig", sagt Norbert Hocke. Rund 2300 Euro Brutto bringt eine Erzieherstelle in Vollzeit. Wer eine Leitungsstelle innehat, kann nach vielen Jahren maximal 3200 Euro verdienen. Außerdem sind die meisten Arbeitsverträge Teilzeitverträge. "Ich kenne viele Fachkräfte, die sich von ihrem Gehalt keine Wohnung leisten können."

Und hier liegt ein Kernproblem: Die niedrige Bezahlung macht den Beruf unattraktiv. So spielen Männer auf dem Erzieherarbeitsmarkt mit nur rund einem Prozent Anteil eine verschwindend geringe Rolle. Immer mehr junge Frauen sehen im Erzieherberuf ebenfalls keine langfristige Perspektive für ein unabhängiges Berufsleben. "Die Berufe im Bereich Erziehung und Bildung brauchen eine viel höhere Wertschätzung, die sich natürlich auch in der Bezahlung ausdrücken muss", betont Regine Morys, die große Hoffnungen auf die neuen Tarifverhandlungen im kommenden Jahr setzt. Doch ob es dabei zu großen Veränderungen kommen wird, ist fraglich: "Die Bezahlung des Kita-personals ist Sache der Kommunen, und die sind bekanntermaßen immer knapp bei Kasse."

Erziehungsexperte Hocke wünscht sich ein Umdenken auf breiter Basis: Nicht nur die Tarife müssten angehoben werden, das ganze System Kinderbetreuung braucht seiner Meinung nach Verbesserungen: "Im Moment ist es so, dass viele Erzieherinnen schon nach wenigen Jahren Arbeit nicht mehr wollen oder können." Zu laut, zu stressig, zu wenig Personal für zu viele Kinder. Statt pädagogisch mit den Kindern zu arbeiten, dreht sich der Kita-Alltag vor allem ums Aufräumen, Windeln wechseln und Füttern. Umfragen zeigen: 27 Prozent der ErzieherInnen glauben bereits nach einem Jahr Berufserfahrung, dass sie diesen Job nicht gesund bis zur Rente durchhalten. Burnout ist in diesem Tätigkeitsbereich weit verbreitet, und der Druck ist offensichtlich: Viele BerufspraktikantInnen, die über mehrere Wochen Einblick in einen Kita-Alltag bekommen, orientieren sich danach noch einmal neu.

Für Miriam Strobl vom Kita-Regionalverbund Freising bleibt die Situation angespannt: "Derzeit versuchen wir mit unseren bestehenden Mitarbeiterinnen die Betreuungszeiten bestmöglich abzudecken. Das klappt irgendwie immer, aber trotzdem: Wir freuen uns über jede neue Bewerbung!"