Maikäfer, flieg: Jugendliche Flüchtlinge hoffen auf ein besseres Leben in Deutschland

Von Stephanie Meyer-Steidl

Sachte zupft Idan mit der rechten Hand die Saiten der Gitarre, noch etwas unsicher suchen die Finger der linken nach dem richtigen Griff. Allmählich verbinden sich die einzelnen Töne zu einer Melodie, die Klänge der "Romance de amor" schweben durch den Raum. Spanische Musik mag er gern, erzählt Idan. Genauso wie Pinguine, Eichhörnchen, Muscheln und Engel. Mit Tierplakaten, kleinen Porzellanfiguren und Dutzenden von Muscheln hat der 18-Jährige sein Zimmer dekoriert: gute zehn, zweckmäßig eingerichtete Quadratmeter, in einer Wohngemeinschaft im Münchner Stadtteil Obergiesing. Ein schmales, hohes Fenster gibt den Blick frei auf den begrünten Innenhof. In diesem Zimmer fühle er sich wohl, sagt er. Sein Übergangszuhause. Dort lebt er, zusammen mit vier anderen jungen Männern. "Die beste Wohngemeinschaft Münchens" steht auf einem Plakat im Flur, dazu Fotos von Ausflügen und Feiern.Schlaksig ist Idan, nicht mehr jugendlich, aber noch nicht erwachsen, dunkelbraune Augen schauen das Gegenüber aufmerksam an, die schwarzen Haare stehen – von viel Gel zusammengehalten – senkrecht nach oben. Ob man sich auf Deutsch mit ihm unterhalten könne? Ja, kein Problem, er versteht nahezu alles und spricht sehr gut, wurde der Besucherin versichert. Tatsächlich. Dabei lebt Idan erst seit rund zwei Jahren hier. Und der Gegensatz zwischen seiner Heimat und Deutschland könnte kaum größer sein: Idan kommt aus dem Norden des Irak, seine Muttersprache ist Kurdisch. "Alles ist dort anders, die Sprache, das Wetter, das Essen, die Menschen", erklärt der junge Mann. Ohne Not hätte er sein Land nicht verlassen. Doch als er 15 Jahre alt war, wurde er bei einem Bombenanschlag verletzt, ein Jahr dauerte es, bis er sich von den Folgen erholt hatte. Und seine Zukunftsaussichten waren – wie für die meisten jungen Menschen im Irak – sehr düster. Seit dem Sturz Saddam Husseins und dem Abzug der ausländischen Truppen 2011 ist die Infrastruktur des Landes in weiten Teilen zerstört, in den vergangenen zehn Jahren haben mehr als zwei Millionen Menschen den vorderasiatischen Staat verlassen. Auch Idan beschloss, die Flucht zu wagen. In einem Alter, in dem deutsche Jugendliche zur Schule gehen, Party machen, den ersten Bausparvertrag abschließen und wohlbehütet ihren Weg suchen können, stieg Idan allein in einen Lastwagen. Eltern und drei Brüder blieben zurück. Zuerst ging es durch die Türkei, dann durch mehrere andere Länder, schließlich kam er in Deutschland an. Idan war nicht der einzige, der LKW war voll. "Viel hart" sei diese Flucht gewesen. Mehr sagt er nicht.  "Über die Flucht zu sprechen, ist für alle immer sehr schwierig", bestätigt Verena Perr. Die 28-Jährige arbeitet bei der Wohnhilfe in München. 1989 gegründet, unterstützt der Verein wohnungslose und behinderte Menschen und betreut in acht Einrichtungen knapp 90 Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahren – darunter sogenannte "unbegleitete Flüchtlinge". Flüchtlinge wie Idan. Wer als Minderjähriger und ohne die Begleitung von Erwachsenen nach Deutschland kommt, wird vom zuständigen Jugendamt in Obhut genommen. Das heißt, dass sich die Behörde wie ein Vormund um alle Belange kümmert, vor allem um Unterkunft und Verpflegung. "Minderjährige Flüchtlinge, die Antrag auf Asyl stellen, kommen zunächst in eine Erstaufnahmeeinrichtung", erläutert Verena Perr. Seit langem steht die Münchner Einrichtung in den Räumen einer ehemaligen Kaserne in der Kritik: von massiver Überbelegung, unzureichender sanitärer Ausstattung und maroder Bausubstanz ist die Rede. Und durch den ständig wachsenden Zustrom ist die Lage weiterhin angespannt. Zeitweise kamen in den letzten Monaten bis zu 100 Flüchtlinge pro Tag in der bayerischen Metropole an, händeringend suchen die Behörden in der teuersten Stadt Deutschlands nach Platz und Raum. Besonders schwierig gestaltet sich die Situation für die unbegleiteten Minderjährigen: 2013 hat das Stadtjugendamt 553 in Obhut genommen, und für dieses Jahr rechnet man mit einem weiter stark steigenden Zuzug. Nicht für alle steht sofort ein Platz in einer Jugendhilfeeinrichtung zur Verfügung. Auch Idan lebte zunächst ein Jahr in städtischen Flüchtlingsunterkünften, bevor er zur Wohnhilfe kam. "Hier ist es super. Wenn man Hilfe braucht, bekommt man sie." In der WG hat er sein eigenes Zimmer, Bad und Küche teilen sich die fünf Bewohner. "Wir stellen die Möbel und sorgen für die Verpflegung. Wir helfen bei den Dingen des Alltags wie Arztbesuchen und Behördengängen und organisieren Deutschkurse", erläutert Verena Perr. "Aber Putzen und Wäsche waschen müssen die Jugendlichen selbst!"Teilbetreuung nennt sich diese Art der Unterstützung. Ein Mal pro Woche steht ein gemeinsamer Kochabend auf dem Programm, und reihum werden Gerichte aus den jeweiligen Heimatländern zubereitet. "Deutsche Gerichte gibt es natürlich auch." Die Pädagogin schmunzelt. Bei einem ihrer Kollegen lernt Idan sogar Gitarre spielen. Und seit seinem Deutschkurs besucht er eine Schule – die Münchner SchlaU-Schule. "SchlaU" steht für Schulanaloger Unterricht, der speziell für junge Flüchtlinge konzipiert ist. Innerhalb von zwei Jahren können sie den qualifizierenden Hauptschulabschluss machen und sind im besten Fall fit für das deutsche Regelschul- und Ausbildungssystem. "Die SchlaU-Schule finde ich super", Idan nickt anerkennend. Sein Lieblingsfach ist Deutsch, Mathe hingegen sei "eine Katastrophe". In seiner Klasse sind 13 Jugendliche, die MitschülerInnen kommen aus Afghanistan und Syrien, aus Somalia und Burkina Faso. Nächstes Jahr ist der junge Iraker fertig. Was danach kommt, weiß er noch nicht. Alles hängt davon ab, ob sein Antrag auf Asyl bewilligt wird. "Wir vermitteln den Jugendlichen in den Ferien möglichst oft Praktika", erklärt Perr. Hautnah sollen sie den deutschen Berufsalltag miterleben, um sich für die passende Ausbildung entscheiden zu können. Als Basis für ein eigenständiges Leben. Idan hat schon bei einem Friseur und bei einem Physiotherapeuten mitgearbeitet. Ganz das Richtige war es noch nicht. Vieles läuft gut bei dem 18-Jährigen: Er geht regelmäßig zur Schule, weiß inzwischen, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Das bestätigt auch Marisa Pietzsch. Die 29-Jährige arbeitet als Betreuerin im Nachtdienst bei der Wohnhilfe. Sie schaut, ob bei den Bewohnern alles in Ordnung ist, hilft schon mal bei Hausaufgaben. Und sie ist Ansprechpartnerin, wenn die Jugendlichen nachts von Albträumen gequält werden, wenn sich die Erinnerung an die Flucht und der Schmerz über das ungewisse Schicksal der Familie Bahn bricht. Viele leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen und sind in therapeutischer Behandlung. "Idan hat das Glück, dass er noch Kontakt zu seiner Familie hat", sagt Pietzsch. Manche wüssten nicht einmal, ob ihre Eltern überhaupt noch lebten. "Die jungen Menschen hier haben einen schweren Rucksack zu tragen, und einige gehen daran kaputt", sagt sie nachdenklich. Idan macht sich Sorgen um seine Familie im Irak, die Lage dort ist nicht stabil. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Verwandten bei ihm sein könnten. Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünscht, kommt die Antwort schnell: "Dass meine Familie in Sicherheit ist, für mich eine gute Arbeit und dass ich in Deutschland bleiben kann."Die Zukunft ist offen, und Idan macht das Beste daraus. Jetzt freut er sich erst einmal auf "Mordau, einen Alpentraum". Ein Theaterstück von jungen Amateur-Schauspielern, ein nicht ganz ernst gemeinter bayerischer Schwank. Idan macht mit. Er spielt darin einen reichen Mann aus Abu Dhabi.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Ihre Zahl steigt kontinuierlich: 2013 kamen nach Angaben des "Bundesfachverbandes Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge" rund 4500 junge Menschen unter 18 Jahren nach Deutschland, etwa 200 mehr als im Jahr zuvor. Die meisten von ihnen stammten aus Afghanistan und Somalia. Jugendliche Flüchtlinge haben Anspruch auf besonderen Schutz, es stehen ihnen Unterkunft, Gesundheitsversorgung und Schulbildung zu. Ihre Rechte regelt die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Mit dem 16. Lebensjahr können Flüchtlinge selbst einen Antrag auf Asyl stellen.

Oft werden sie dann bereits wie Erwachsene behandelt und in Sammelunterkünften untergebracht. Die Große Koalition will dieser Praxis allerdings durch eine entsprechende Gesetzesänderung Einhalt gebieten.