Bildung für alle? Kinder aus Arbeiterfamilien studieren noch immer seltener als andere

Von Jutta Oster

Gleiche Bildungschancen für alle, unabhängig vom Elternhaus – das fordert die Berlinerin Katja Urbatsch. Sie hat die Initiative "ArbeiterKind.de" gegründet, die Schülerinnen und Schüler aus nicht-akademischen Familien zu einem Hochschulstudium ermutigen will.

Katja Urbatsch kennt das Gefühl, sich zwischen den Welten zu bewegen: Auf Familienfeiern musste sie sich jahrelang den kritischen Fragen ihrer Verwandten stellen. Sie wollten wissen, was man mit einem Fach wie Nordamerikastudien eigentlich anfängt, wie man damit später überhaupt Geld verdienen kann und ob das Studium nicht wenigstens in den Lehrerberuf mündet. An der Freien Universität Berlin fühlte sie sich genauso wenig heimisch. Über mehrere Semester besuchte sie fast nur Seminare von wissenschaftlichen Mitarbeitern, weil sie sich hier – im Unterschied zu den Veranstaltungen von Professorinnen und Professoren – eher traute, Fragen zu stellen. Bei Referaten war sie lange Zeit extrem nervös und unsicher. Katja Urbatsch (35) weiß, was es heißt, als erste Generation innerhalb einer Familie zu studieren, und welche Stolpersteine damit verbunden sind. Das hat sie vor sechs Jahren auf die Idee gebracht, die bundesweite Initiative "ArbeiterKind.de" zu gründen. Die Initiative mit Hauptsitz in Berlin unterstützt Studentinnen und Studenten, die aus Familien ohne akademischen Hintergrund stammen und als Erste in ihrer Familie studieren.

Das Elternhaus stellt die Weichen

Noch immer hängt es in Deutschland sehr stark vom Bildungsgrad der Eltern ab, ob Tochter oder Sohn einmal studieren. Nach einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2013 schreiben sich Arbeiterkinder nur selten an der Uni ein. Während von 100 Akademikerkindern 77 selbst ein Studium aufnehmen, sind es in Familien aus hochschulfernen Familien lediglich 23. Auch die Ergebnisse der Pisa-Studien aus den vergangenen Jahren haben immer wieder gezeigt, dass der Erfolg in der Schule eng mit dem Elternhaus eines Kindes verknüpft ist, viel stärker als in anderen europäischen Ländern. Eine Ungerechtigkeit, der Katja Urbatsch mit ihrer Initiative „ArbeiterKind.de“ entgegenwirken will: "Die soziale Herkunft darf nicht über den Bildungsweg eines Menschen entscheiden", sagt sie. "Wir wollen die Vorbilder geben, die in der eigenen Familie vielleicht fehlen."

Hürden auf dem Weg an die Uni

Doch was hindert Schülerinnen und Schüler daran, Pioniere in ihrer Familie zu sein und die akademische Laufbahn einzuschlagen? Nach der Erfahrung von Katja Urbatsch ist das vor allem die Frage, wie sich ein Studium finanzieren lässt. Viele schrecken zurück vor den Zugangshürden, etwa einem Numerus Clausus, und den Formalitäten, die mit der Bewerbung und Einschreibung an der Uni verbunden sind. Außerdem haben die Schulabgänger oft Selbstzweifel, ob sie das Studium überhaupt schaffen – "obwohl sie häufig ein gutes Abitur haben", sagt Urbatsch.

Doch manche Gründe liegen auch tiefer: Der Soziologe und Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani, Professor an der Fachhochschule Münster, hat 40 sogenannte Extremaufsteiger interviewt, die sich aus einfachsten Verhältnissen oder Migrantenfamilien hochgearbeitet haben. Er kommt in seiner Studie zu dem Schluss, dass gerade in bildungsfernen Familien Lernen einen unmittelbaren Nutzen bringen muss. Die Idee, dass Bildung zum Teil auch Selbstzweck sein kann, ist den Familien fremd. Ein Studium ist aber ein langer und oft ungewisser Weg, der sich finanziell erst nach vielen Jahren auszahlt. Da erscheint eine Ausbildung als die sicherere und konkretere Alternative.

Bildung kann einsam machen

Tatsächlich zahlen – das zeigt die Studie ebenfalls – Arbeiterkinder einen Preis, wenn sie sich für ein Studium entscheiden. Der Weg an die Uni kann im Extremfall zu einer Entfremdung von der eigenen Familie und den Freunden führen. Wenn die Familie nicht hinter ihnen steht oder Vorhaltungen macht ("Hättest du doch eine Ausbildung angefangen!"), kann es schwer werden, das Studium durchzuhalten. Viele Aufsteiger werden zu Außenseitern in ihrer Familie, fühlen sich aber an der Hochschule unter lauter Akademikerkindern ebenso nicht zugehörig. Ein Gefühl, das auch Katja Urbatsch beschreibt. Und immer ist da die Unsicherheit, die manche ihr ganzes Berufsleben lang begleitet: Während Akademikerkinder häufig mit einem natürlichen Selbstbewusstsein ausgestattet sind, fehlt den Aufsteigern dieses Selbstvertrauen.

"Sozialer Pate" hilft

Wichtig in dieser Situation, betont Aladin El-Mafaalani, sei ein "sozialer Pate". Katja Urbatsch nennt das "Bildungsagenten". Für sie selbst waren das ihr Basketballtrainer und zwei Pfarrer, die sie zu ehrenamtlichem Engagement ermutigten. Heute will die Geschäftsführerin von "ArbeiterKind.de" selbst Bildungsagentin sein. Die Berliner Initiative, im Jahr 2008 gegründet, arbeitet mit inzwischen über 5000 Mentorinnen und Mentoren bundesweit, die sich in rund 70 lokalen Gruppen engagieren. Das sind oft Studierende, teilweise aber auch Berufstätige und SeniorInnen. Sie beraten Schülerinnen und Schüler und deren Eltern – am Telefon oder im persönlichen Gespräch – zu Finanzierungsmöglichkeiten, zu Stipendien, zur Wahl des richtigen Studienfachs und zur Organisation des Studiums. Sie sind auf Messen präsent und gehen in Schulen. Sie laden zu Stammtischen ein oder begleiten Arbeiterkinder im Sinne einer Patenschaft – wenn es sein muss, vom Einstieg bis zum Studienabschluss. Solch eine intensive Betreuung benötigen aber nur wenige Studentinnen und Studenten. Die meisten lassen sich eher punktuell beraten, etwa zum BAföG oder einem Stipendium.

Weil sie nach einem Stipendium suchte, das zu ihr passt, ließ sich auch die Wuppertaler Psychologie-Studentin Tanja Winkler (24) vor einem knappen Jahr von dem Netzwerk beraten. Inzwischen arbeitet sie selbst ehrenamtlich als Mentorin und begleitet eine Erstsemester-Studentin, die aus einer Arbeiterfamilie stammt und als erste in ihrer Familie studiert. Die Studienanfängerin war unsicher, wie sie ihren Stundenplan gestalten soll und welchen Schwerpunkt sie in welchem Semester setzen will. Vor allem aber hatte sie große Angst vor den Klausuren. Diese Angst hat Tanja Winkler versucht, ihr zu nehmen.

Die Befürchtung zu scheitern gibt es immer wieder. Für die Gründerin Katja Urbatsch wiegt sie aber nicht so schwer wie das Gefühl, unter den eigenen Möglichkeiten geblieben zu sein: „Diejenigen, denen bewusst ist, dass sie ausgebremst wurden, sagen, das Schlimmste sei am Ende nicht das Scheitern, sondern die nicht gelebten Träume, die einen nicht loslassen.“


Internet www.arbeiterkind.de
Infotelefon 030. 679 672 750
(dienstags bis freitags zwischen 14 und 19.30 Uhr)
Literatur Katja Urbatsch: Ausgebremst. Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt. Heyne Verlag, München