Ein Shirt geht um die Welt: Wie landet Maxims Handballtrikot in Burundi?

Von Constanze Bandowski

Altkleider legen bisweilen absurde Wege zurück. Zum Beispiel vom Hamburger Stadtteil Niendorf in das burundische Dorf Gaturanda. Dort trägt die Bäuerin Marguerite Nzigo das ausrangierte Handballtrikot des zehnjährigen Norddeutschen Maxim Maderner. Eine Spurensuche.

Ganz Afrika trägt Secondhand. Wohin auch immer das Auge schweift, trifft es auf ausgewaschene Spiderman-T-Shirts, zerrissene Hello-Kitty-Pullover oder Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Alles aus zweiter Hand. Auch in Burundi, dem kleinsten und ärmsten Land im Herzen Afrikas, trifft man überall auf "Schweinsteiger" oder "Ballack".
 
Bei einer Schulspeisung in dem abgelegenen Dorf Gaturanda im Norden des Landes sind jedoch die wenigsten Motive und Farben noch zu erkennen. Die Menschen sind so arm, dass ihre Kinder selten Wäsche zum Wechseln besitzen. Viele Schülerinnen und Schüler tragen erdfarbene Lumpen am Körper, zerfledderte Latschen, kaum identifizierbare Aufschriften. Umso auffälliger blitzt ein weiß-blaues Trikot unter der traditionellen Kleidung einer Frau hervor, die bei der Zubereitung des Mittagessens hilft. Der halbverdeckte Schriftzug lässt erahnen, dass das Trikot aus dem Hamburger Stadtteil stammt, in dem ich wohne. Höflich frage ich die Frau mithilfe des Dolmetschers, ob sie mir ihr T-Shirt zeige.

Marguerite Nzigo ist irritiert. Was will die Fremde von ihr? Der Dolmetscher erklärt das außergewöhnliche Anliegen auf sehr charmante Art und Weise. Schließlich glätten sich die argwöhnischen Falten auf Marguerites Stirn und sie zieht das Tuch bis auf Bauchnabelhöhe herunter.

Zum Vorschein kommt ein Trikot vom Niendorfer Turn- und Sportverein (NTSV). Das weiße Polyestermaterial blitzt in der sengenden Mittagssonne. Die kobaltfarbenen Streifen und Schriftzüge leuchten so blau wie der tropische Himmel. "Handball Herbst Camp 2010" steht diagonal auf Marguerites Bauch, über der Nummer 5 auf dem Rücken prangt der Name "Maxim". Wie kommt dieses Trikot bloß hierher?

"Ich glaube, Maxim hat es einfach verloren", sagt seine Mutter Michaela Maderner in Hamburg. "Vielleicht habe ich es aber auch in einen Altkleiderkorb auf dem Bürgersteig getan." Wie auch immer, die Reise von Maxims Trikot nach Afrika begann also vermutlich bei einem der unzähligen dubiosen Altkleiderhändler, die in dem weltweiten Millionengeschäft das große Geld machen wollen und illegale Straßensammlungen durchführen oder gar gesetzeswidrig Container aufstellen.
 
"Altkleider sind ein gefragtes Produkt auf dem Weltmarkt, und dubiose Sammler treiben die Preise in die Höhe", erklärt Andreas Voget, Geschäftsführer von FairWertung. Der Dachverband der seriösen gemeinnützigen und kirchennahen Organisationen, die Kleidersammlungen durchführen, will in dem schwer zu durchschauenden Markt Klarheit schaffen. Wegen unlauteren Wettbewerbs, mangelnder Transparenz und zunehmender Illegalität gerät die Branche in jüngster Zeit häufig in die Schlagzeilen. Anerkannte Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz konterten bereits mit einer Transparenzoffensive. Sie klären ihre Spender auf, dass längst nicht jede Hose oder Jacke direkt einem Bedürftigen zugute kommt, sondern das Gros der Spenden an seriöse Textilverwerter verkauft wird, der Erlös aber in die Sozialarbeit vor Ort fließt.

Über die illegalen Sammlungen liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Fest steht, dass sie ein immer größeres Ausmaß annehmen und seriösen Textilverwertungsunternehmen Existenzsorgen bereiten. Legal rangieren die Deutschen rund 750.000 Tonnen Textilien im Jahr aus. Der größte Teil landet über einen der 120.000 aufgestellten Container in einem fachgerecht arbeitenden Sortierbetrieb. Dort werden die Spenden unter bestimmten Kriterien in Secondhand-Ware (43 Prozent), Textilien für Putzlappen (16 Prozent) oder Recycling (21 Prozent) aufgeteilt. Rund 20 Prozent wandern als Abfall in die thermische Verwertung. Das Sammeln, Transportieren und Sortieren kostet Geld, viel Geld. Doch der Erlös aus dem Verkauf der verwertbaren Kleidungsstücke bringt noch mehr – je nach Qualität zwischen 200 und 500 Euro pro Tonne. Die ausrangierten T-Shirts, Pullis oder Schuhe landen in aller Herren Länder. "Mindestens 20 Prozent der gesamten Sammelmenge geht nach Afrika", schätzt Andreas Voget. Das sind mindestens 150.000 Tonnen jährlich allein aus Deutschland. Plus der ständig wachsende Anteil illegaler Sammlungen.

Was aber bewirken diese Altkleider in den Ländern? Überschwemmen sie nicht die Märkte und vernichten die Textilbranchen, wie Studien von Oxfam oder dem Südwind-Institut zu Beginn der 90er-Jahre betonten? Recherchen von FairWertung in Tansania, Kamerun und Mali zeigen heute, dass der damalige Niedergang der heimischen Textilindustrie vielmehr auf den Abbau von Importverboten und Subventionen zurückzuführen war als auf die Altkleiderimporte selbst. "Damals wurden zwei Dinge miteinander vermischt, die nicht direkt etwas miteinander zu tun hatten", erklärt Andreas Voget. Das Ergebnis seines zweijährigen "Dialogprogramms Gebrauchtkleidung in Afrika" veröffentlicht der Verband auf seiner Website: "Secondhand-Kleidung ist unter den derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen in vielen afrikanischen Ländern nicht wegzudenken. Hauptgrund ist die geringe Kaufkraft. Außerdem gibt es kein ausreichendes und erschwingliches Bekleidungsangebot aus lokaler Produktion. Die auf den Märkten angebotene Neuware kommt überwiegend aus China, ist aber oft von minderer Qualität."

Diese Erkenntnis ist auch auf Burundi übertragbar. "Viele Leute bevorzugen die Second-Ware aus Europa oder den USA, weil sie länger hält und günstiger ist als neue Kleidung aus Uganda oder anderen afrikanischen Ländern", bestätigt Isidore Hatungimana, der bei der Welthungerhilfe für das Schulspeisungsprogramm in Gaturanda zuständig ist. Marguerite Nzigo hat ihr T-Shirt auf dem kleinen Marktplatz ihrer Gemeinde rund fünf Kilometer von der Schule entfernt gekauft und dafür umgerechnet etwa 80 Eurocent bezahlt. Dafür musste sie mehr als einen halben Tag Feuerholz sammeln und verkaufen.

Lucien D’Hooge, Büroleiter der Welthungerhilfe in der Provinz Kirundo, meint, die Kleiderspenden sollten nicht kostenfrei an die Armen verteilt werden. "Die Menschen schätzen Dinge grundsätzlich mehr, wenn sie etwas dafür bezahlen müssen", sagt er. Nur in Katastrophenfällen sollten Kleidungsstücke umsonst ausgegeben werden. Ansonsten entstehen durch den Altkleiderhandel neue Wirtschaftskreisläufe. Wer in Deutschland sicher gehen will, dass seine Altkleider direkt Bedürftigen zugute kommen, bringt sie am besten persönlich in den Kleiderkammern, Sozialkaufhäusern oder bei seriösen Sammlern vorbei.

Weitere Informationen im Internet unter:
www.fairwertung.de
www.drk.de/aktuelles/fokusthemen/kleidersammlung