Mit dem Anwalt zum Sprechtag: Eltern machen Lehrern das Leben zunehmend schwer

Von Bettina Levecke

Gewerkschaften und Lehrerverbände rüsten ihre Rechtsabteilungen auf: Immer mehr Eltern gehen juristisch gegen die Lehrer ihrer Kinder vor und setzen sie massiv unter Druck. Zum Schaden aller.

Vor 18 Jahren ging es noch beschaulich zu in der Rechtsabteilung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Ein ehemaliger Lehrer mit Jura-Studium reichte aus, um die rechtlichen Fragen von Lehrern zu beantworten. Inzwischen fasst die Rechtsabteilung insgesamt 17 Personen, davon sechs Volljuristen. "Der Bedarf nach Rechtsberatung hat sich vervierfacht", sagt Hans-Peter Etter, Leiter der Abteilung. Dahinter steckt eine schleichende, aber drastische Veränderung im Elternverhalten. "Es passiert immer öfter, dass Eltern mit den Entscheidungen und den Unterrichtsmethoden von Lehrern nicht einverstanden sind und sich deshalb einen Anwalt nehmen."

"Der Druck auf uns Lehrer ist enorm gewachsen", sagt eine Wuppertaler Grundschullehrerin, die gerne anonym bleiben möchte. Auch sie hatte bereits massive Probleme aufgrund einer Elternbeschwerde, die juristische Auseinandersetzung konnte zum Glück vermieden werden. Sie berichtet, dass Kritik von Elternseite mittlerweile zu ihrem Berufsalltag gehört: "Schon kurz nach der Einschulung kommen die ersten Mails besorgter Eltern, die die Sitzordnung kritisieren." Ihr Kind habe einen schlechten Platz bekommen, andere Kinder würden eher wahrgenommen, die Eltern fordern eine Neuverteilung. "Ich kann auch sicher davon ausgehen, dass ich nach der Rückgabe einer Klassenarbeit am Nachmittag Anrufe von Eltern bekomme, die mit mir über einen halben Punkt diskutieren wollen."

Auch spät abends seien Anrufe von aufgebrachten Eltern keine Seltenheit: "Eine Mutter hat sogar auf meinen Anrufbeantworter geschrien, dass mein Unterricht inkompetent sei." Beispiele, die nicht mehr als Ausnahmen gelten: "Meine Kolleginnen und ich nehmen seit einigen Jahren mit Sorge wahr, wie das Vertrauen der Eltern nachlässt. Es ist nicht leicht, damit umzugehen."

Das kann auch Hans-Peter Etter bestätigen: "Lehrer stehen vor massiven Veränderungen in der Beziehung zu den Eltern." Gab es früher Probleme, war es selbstverständlich, dass der erste Weg zum Klassenlehrer führte. Elternabende, Elternsprechtage, persönliche Gespräche – das sollten eigentlich die Gelegenheiten sein, mit den Lehrerinnen und Lehrern des Kindes in Kontakt zu treten und Sorgen zu besprechen. "Heute wenden sich viele Eltern aber gleich an höhere Instanzen, wie die Schuldirektion, das Schulamt, das Kultusministerium oder sogar die Regierung", weiß Etter aus den Berichten von Lehrern. In seitenlangen Briefen wird dann Schulleitungen oder Behörden das Fehlverhalten eines Lehrers beschrieben. Der selbst weiß von nichts – zumindest so lange nicht, bis die Sache von oben aufgerollt wird oder ein Anwalt sich der Sache annimmt.

"Die Lehrer haben in vielen Fällen keine Chance, sich dem Problem zu stellen, weil sie von den Eltern nicht einbezogen werden", sagt Etter. "Es gibt Eltern, die nehmen ihren Anwalt sogar mit in die Elternsprechstunde." Etter ist ratlos: "Wozu soll das denn führen, außer zu einer Verhärtung der Fronten?"

Er weiß von einem aktuellen Fall, in dem Eltern gleich gegen eine ganze Schule klagen. Der Vorwurf: Mobbing. "Die Eltern sagen, dass ihr Kind täglich mit Blessuren nach Hause komme und die Schule ihre Aufsichtspflicht verletze." Die Schulleitung reagierte sofort auf die Vorwürfe und entwarf mit dem Lehrerkollegium einen Plan, den Schüler zu beaufsichtigen. Über viele Wochen wurde jede Pause und jede Stunde sein Verhalten, seine sozialen Beziehungen, seine Aufenthaltsorte genauestens protokolliert. Wo saß er im Unterricht, wann ging er auf die Toilette, wann zum Bus? "Der Schüler steht seitdem unter Vollbewachung", sagt Etter.

Für die Eltern ist das jedoch kein Grund zur Beruhigung, sie halten an der Klage fest, berichten von weiteren Verletzungen. "Das macht die ganze Schule verrückt, alles dreht sich nur noch um diesen einen Schüler." Etter sieht das Hauptproblem in den Folgen des juristischen Drucks: "Wie sollen Lehrer noch unbefangen unterrichten können, wenn sie ständig befürchten müssen, Ärger zu bekommen?"

Auch die Wuppertaler Grundschullehrerin gibt offen zu, dass diese Unsicherheit an ihr nagt: "Ich habe studiert, das zweite Staatsexamen gemacht, verfüge über viele Jahre Berufserfahrung und muss mir ständig von Eltern, die diesen Beruf nicht erlernt haben, meine Inkompetenz diagnostizieren lassen. Das ist doch total schräg."

Die Frage, die sich dabei stellt ist: Woher kommt das Misstrauen und der Glaube, den Lehrern auf die Finger klopfen zu müssen? Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Autor des Buches "Helikopter-Eltern" hat dazu viele Erklärungsansätze. Die Eltern seien älter geworden, oft schon weit über 30 Jahre beim ersten Kind. "Da ist man nicht mehr so unbefangen, wie in jungen Jahren." Hinzu komme ein starker gesellschaftlicher Druck, glaubt der Experte: "Viele Eltern haben heute Angst um die Zukunft ihrer Kinder. Sie haben den Eindruck, sie müssten wahnsinnig aktiv werden, um ihrem Kind einen guten Lebensweg zu ermöglichen."

Hans-Peter Etter vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband bestätigt das: "Die meisten Klagen haben wir im Zeitraum der dritten und vierten Grundschulklasse, wenn es sich um die Entscheidung für die weiterführenden Schulen dreht." Zur Not mit dem Anwalt aufs Gymnasium lautet dann die Devise von immer mehr Eltern, zumindest in Bayern, wo die Einstufung durch den Lehrer noch verbindlich ist. "Da werden Kinder ohne Rücksicht auf Verluste aufs Gymnasium geklagt und geschimpft. Die Lehrer knicken irgendwann ein und die Eltern kommen zur ihrem Willen. Ausbaden müssen es dann aber die Kinder, die häufig kreuzunglücklich in der falschen Schulform sitzen", sagt Etter, der trotz allem betonen möchte, dass die meisten Eltern absolut in Ordnung sind und nicht zu solchen drastischen Mitteln greifen: "Aber ein Elternpaar in einer Klasse, das mit einem Anwalt droht, genügt eben schon als hoher Belastungsfaktor."

Etter rät den Eltern, mehr Kontakt zu den Lehrern zu suchen, anstatt gleich die Rechtsschutzversicherung zu bemühen. "Eltern tun ihrem Kind keinen Gefallen, wenn sie gegen seinen Lehrer klagen. Im Gegenteil. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis leidet, und zwar für die ganze Klasse."

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, wünscht sich Elternhaus und Schule als Partner, die gemeinsam für die Erziehung der Kinder einstehen. Miteinander, nicht gegeneinander. Einen Satz, den die Wuppertaler Grundschullehrerin auch sofort unterschreiben würde: "Auch ich wünsche mir ein offeneres Miteinander. Eltern, die mit mir auf Augenhöhe sprechen. Gemeinsam an einem Strang zu ziehen, das sollte doch die Lösung sein, wenn es um das Wohl der Kinder geht."