Vor mir die Welt - Zum Jahresbeginn: Anleitung zum Glücklichsein

Von Stephanie Meyer-Steidl

500.000 Euro gewinnen. Plötzlich reich sein, von jetzt auf gleich – das pure Sterntalergefühl. Meike Winnemuth durfte es erleben. Im Oktober 2010 saß die damals 50-jährige Journalistin in Günther Jauchs Sendung "Wer wird Millionär?". Wo jemand sich befindet, der sich "verfranzt" hat, wollte der Moderator wissen. Ein Publikumsjoker half, und Winnemuth gab die richtige Antwort: im Flugzeug. Mit viel Verstand und einer Portion Glück hatte sie es geschafft. Eine halbe Million! Was macht man mit soviel Geld?

Meike Winnemuth wusste sofort, wofür sie das Geld verwenden würde: Sie wollte reisen. Zwölf Monate, rund um die Welt, in zwölf Städte. Einen Monat für jede Stadt. Welche Städte es sein sollten, diese Auswahl traf sie aus dem Bauch heraus direkt nach der Sendung.

Schnell erledigt waren die Vorbereitungen: Winnemuth ließ sich in einem Reisebüro die Route ausarbeiten, vermietete ihre Wohnung für zwölf Monate, informierte Banken und Versicherungen und packte einen mittelgroßen Koffer. Um in den Alltag besser eintauchen zu können, buchte sie Privat-Wohnungen statt Hotels. Was das Ganze erleichterte: Die Journalistin arbeitete zu der Zeit freiberuflich, war Single und kinderlos.

Keine zwölf Wochen später, am 1. Januar 2011, machte sich die Hamburgerin auf den Weg. Als Erstes ging es nach Sydney, die zweite Station war Buenos Aires. Anschließend folgten Mumbai und Shanghai, Honolulu und San Francisco. In der zweiten Jahreshälfte dann London, Kopenhagen und Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und zum Schluss Havanna. Die Rückreise trat Winnemuth auf einem Schiff an, im Januar 2012 lief sie an Bord eines Frachters wieder in den Hamburger Hafen ein.

Die Erlebnisse und Erfahrungen dieser zwölf Monate teilt die Journalistin seitdem bereitwillig. Während der Reise schrieb sie ein Internet-Tagebuch mit dem Titel "Vor mir die Welt", vor einigen Monaten erschien ihr Buch "Das große Los". Sie ist Gast in Talkshows und wird interviewt. Viele lesen sie, hören ihr zu. Denn da ist jemand, der unverhofftes Glück im Spiel hatte. Der seinen Traum gelebt hat, finanziell unabhängig und frei. Das macht neugierig, sehnsuchtsvoll und vielleicht ein bisschen neidisch. "Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen?", heißt es im Klappentext ihres Buches.

Wie das wirklich ist, davon erzählt Winnemuth: von der großen weiten Welt, von Schönheit und Genuss, von Befremdlichem und Nachahmenswertem. Von ganz Konkretem: zum Beispiel von ihren Tango-Tanzstunden in Buenos Aires. Wie sie, die 183 Zentimeter große, blonde Frau dem argentinischen Lehrer auf den Scheitel schaut und sich von ihm übers Parkett schieben lässt. Nett, es probiert zu haben, aber nicht unbedingt etwas für sie. Ganz anders als der Tauchkurs im Roten Meer. Berückend schön, unter Wasser zu schweben – eine neue Liebe ist entdeckt. Oder von ihren Erkenntnissen über die chinesische Küche, gewonnen in Shanghai: frittierte Bienen schmecken besser als frittierte Libellen.

Neben dem Amüsanten und Anekdotenhaften, neben Unterhaltung und Information gibt es bei Winnemuth immer noch eine zweite Ebene. Denn aufgebrochen ist sie nicht nur wegen ihrer unbändigen Neugier auf die Fremde und das ganz Andere. Aufgebrochen ist sie auch zu sich selbst. Was würde diese Reise, was würden diese Städte mit ihr machen? Was würde wichtig werden, was unwichtig? Bis hin zu der ganz großen Frage: Was könnte es für einen Sinn haben, dieses eine, wertvolle Leben?

Nach den zwölf Monaten haben sich ein paar Dinge scharfgestellt, die über die Jahre verschwommen waren, sagt sie. Und die Reise habe bei ihr zutage gefördert, was eigentlich immer schon da war: durchlässig zu sein für alles, was passiert, den Menschen und der Welt zugewandt. Dankbar zu sein und demütig. Die Dinge geschehen zu lassen und anzunehmen, Vorurteile durch eigene Anschauung abzubauen. Sich Zeit zu nehmen für Begegnungen und Gespräche. Und das Schöne in vollen Zügen zu genießen.

Deutlich wird: Ihr stabiles Selbst, Mut von Kindesbeinen an und große Zuversicht haben sie durch diese zwölf Monate getragen. Sie hatte nur das Beste erwartet, und das traf dann auch fast immer ein. Die Magie der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Eine ihrer Überzeugungen sei der Satz – und da zitiert die Hamburgerin das Rheinland – "Et hät noch immer jot jejange". Ein Beispiel: Als sie in Shanghai durch ein Missverständnis weit draußen auf dem Land landet, mutterseelenallein, ohne Handyempfang und ohne ausreichende Chinesisch-Kenntnisse, erlebt sie eines der intensivsten Glücksgefühle während dieser Reise. Stille, Alleinsein, die Welt als Heimat. Von Panik keine Spur. Einige Zeit später kommt ein Rikschafahrer vorbei, dem sie sich mit Händen und Füßen verständlich machen kann: Er nimmt sie wieder mit in die Stadt. Et hät noch immer jot jejange.

Nicht jedem ist es vergönnt, alles stehen und liegen zu lassen, um in das ferne Unbekannte aufzubrechen. Obwohl: Zu Winnemuths verblüffendsten Erkenntnissen gehört, dass sie das Geld aus der Quizsendung gar nicht gebraucht hätte, so wenig hatte sie während der Reise ausgegeben und zugleich so viel zu Hause eingespart. Manchmal liegt die Erfüllung eines Traumes also näher als man denkt.

Doch abgesehen davon ist eine weitere Erfahrung, dass Aufbrüche im Alltag ebenso möglich sind. Morgens mal Müsli statt Brötchen, in der U-Bahn eine Station früher aussteigen, einen Fremden ansprechen. Im scheinbar Kleinen kann sich der Blick öffnen für die Fülle der Möglichkeiten. Jeder Tag bietet die Gelegenheit, Neues zu wagen, die Angst zu verscheuchen – und der Welt mit offenen Armen entgegenzutreten.

Das Leben von hinten betrachten: Gespräch mit einer Weitgereisten

Von Stephanie Meyer-Steidl

Eine Geschichte erzählt von zwei Mönchen, die auf der Suche nach dem Glück um die ganze Welt reisen und ihm erst am Schluss, in ihrer heimatlichen Klosterzelle, begegnen. Haben Sie eine ähnliche Erfahrung gemacht, Frau Winnemuth?

Ich bin dem Glück an ganz vielen Orten begegnet, aber lustigerweise habe ich mir nach dem Ende der Reise tatsächlich so etwas wie eine Klosterzelle zugelegt. Nachdem ich ein Jahr lang aus dem Koffer gelebt hatte, ohne das Geringste zu vermissen, habe ich mich in meiner alten, sehr großen Wohnung nicht mehr wohl gefühlt. Ich lebe jetzt in einem 40-Quadratmeter-Apartment, sehr reduziert, mit einem ausschließlich aus blauen Kleidungsstücken bestehenden schmalen Kleiderschrank. Ich möchte mir die Unbeschwertheit, die Leichtigkeit des Reisens bewahren.

Hat sich Ihr Lebensgefühl nachhaltig verändert?

Ich habe verstanden, dass man sein Glück selbst in die Hand nehmen muss. Dass man sich selbst die Erlaubnis geben muss zu Veränderung und Abenteuer.

Gibt es Erfahrungen, auf die Sie gerne verzichtet hätten?

Nein, auf keinen Fall. Jede Erfahrung ist wertvoll, das merkt man oft erst sehr viel später. In Indien fand ich fast jeden Tag schrecklich. Jetzt, im Nachhinein, war es einer der erkenntnisreichsten Monate überhaupt.

Was möchten Sie Ihren – vor allem weiblichen – Lesern mit auf den Weg geben?

Ich würde jedem raten, sich immer mal wieder die Frage zu stellen: Was will ich, im Gegensatz zu: Was soll ich wollen? Genauer: Was will ich jetzt? Man hängt oft an Entscheidungen fest, die man mal vor Jahrzehnten getroffen hat, die aber längst nicht mehr funktionieren. Gerade in der Zeit jenseits der 50 läuft einem allmählich die Zeit davon. Es ist eine gute Idee, sich zu fragen, auf was man einmal im hohen Alter zurückblicken will. Mit anderen Worten: Das Leben von hinten zu betrachten.