Fünf von zwei Millionen: Eine syrische Flüchtlingsfamilie sucht in Deutschland nach der Zukunft

Von Stephanie Meyer-Steidl

Tiefschwarz kommt der Kaffee aus der Kanne, der flache Kuchen schmeckt nach Nüssen, Rosenwasser und sehr viel Zucker. "Bitte! Essen!" Jina Y. schiebt den Teller mit dem süßen Gebäck herüber. Aus tiefliegenden, dunkelbraunen Augen kommt ein freundlicher Blick. Schatten haben sich unter ihnen eingegraben, Falten durchziehen das Gesicht. Auf Mitte 50 würde man sie schätzen, dabei ist Jina erst 41 Jahre alt.

Jina Y. stammt aus Syrien, aus der Stadt Al-Hasaka im Nordosten des Landes. Die Provinz gleichen Namens ist eine Hochburg der Christen: Mit 15 Prozent haben sie dort den höchsten Anteil in ganz Syrien. Auch Jina und ihre Familie sind Christen, gehören der syrisch-orthodoxen Kirche an. Während des Regimes von Baschar al-Assad konnten sie ihren Glauben frei und unbehelligt ausüben, die verschiedenen Religionen lebten friedlich nebeneinander. Doch seit dem Ausbruch der bewaffneten Auseinandersetzungen im März 2011 hat sich die Situation für Angehörige der christlichen Minderheit drastisch verschlechtert: Viele von ihnen werden verfolgt, zum Konvertieren gezwungen oder mit dem Tod bedroht.

Jinas Familie fühlte sich inmitten der unübersichtlichen Gemengelage aus verschiedenen Oppositionsgruppen und Rebellen nicht mehr sicher. Vor einem Jahr ist sie mit ihren vier Kindern aus Syrien geflohen, ließ ihr Haus mit Garten und zahlreiche Verwandte zurück. Sie wollte weg von Hass und Zerstörung, weg vom Bürgerkrieg. Jinas Mann ist in diesem Krieg ums Leben gekommen.

Zunächst flüchtete die Familie in die Türkei. Die liegt von ihrer Heimatstadt nur 80 Kilometer entfernt. Von dort ging es im Lastwagen weiter, bis nach Deutschland, nach Bayern. Wie sie die Zeit während der Flucht, in diesem Lastwagen erlebt hat? Jina atmet tief durch und schweigt.

Nach einer Fahrt von mehr als 3000 Kilometern und durch sieben Länder kommen sie im November 2012 endlich in der Sicherheit an. Und fürs Erste findet die Familie eine Bleibe in Grafrath: 30 Kilometer westlich von München gelegen, dreieinhalbtausend Einwohner, sattgrüne Wiesen, Einfamilienhäuser, eine Wallfahrtskirche im üppigen Rokoko-Stil. Hier zu wohnen, muss man sich leisten können. Dass Jina und ihre Kinder in Grafrath landeten, war reiner Zufall. Der Landkreis muss eine gewisse Anzahl von Asylbewerbern aufnehmen und sucht für diese dann in den einzelnen Gemeinden Unterkünfte. Ein schwieriges Unterfangen, denn gerade im Großraum München ist Wohnraum knapp und teuer, aktuell sind die Kapazitäten für eine Unterbringung nahezu erschöpft. Doch die Flüchtlingsfamilie hatte Glück: Es fand sich ein ausreichend großes Haus am Ortsrand, mit Blick auf Felder, Wiesen und Wald.

Hier lebt Jina nun, zusammen mit ihren Töchtern Josfin (20), Nahrin (18) und den Söhnen Akad (16) und Andraus (8). Hier warten und hoffen sie darauf, dass ihrem Asylantrag endlich stattgegeben wird. Denn die Aufenthaltserlaubnis gilt nur für ein Jahr, im Dezember läuft sie aus, muss dann wieder neu beantragt werden.

Ihr Alltag besteht vor allem aus Lernen, aus Deutsch lernen. Fünf Mal in der Woche, für mehrere Stunden, in einer Schule in München. Die vielen Formulare, die Bürokratie hierzulande seien schon schwierig genug, seufzt die älteste Tochter Josfin. Doch die größte Hürde ist die neue, fremde Sprache. Außer Arabisch sprechen sie innerhalb der Familie Assyrisch, eine Form des Aramäischen, der Sprache Jesu. Beides grundverschieden vom Deutschen.

Konzentriert und oft angestrengt suchen sie nach deutschen Worten, im Gespräch muss vieles ungesagt und unverstanden bleiben. "Trotzdem sind die Fortschritte beachtlich. Was diese Menschen innerhalb von wenigen Monaten gelernt haben, ist enorm", sagt Maria Leitenstern-Gulden. Die 61-Jährige engagiert sich beim Asyl-Kreis Grafrath. Ende 2012 hat dieser sich gegründet, um die mittlerweile 22 Asylbewerber, die hier leben, zu unterstützen und zu begleiten. Die 20 Helferinnen und Helfer geben Deutschunterricht, stellen Kontakte zu Behörden und zu Anwälten her, organisieren  Kleidung und Wohnungseinrichtungen, kaufen ein. "Natürlich feiern wir auch zusammen", schmunzelt Leitenstern-Gulden. "Im Sommer gab es zum Beispiel ein Fest der Kulturen, bei dem wir einander ganz ungezwungen kennenlernen konnten."

Solcherlei Begegnungen haben dazu beigetragen, dass es kaum Ängste und Widerstände gegenüber den Flüchtlingen in Grafrath gibt – anders als in einigen Nachbarorten. Die Initiatorin des Asyl-Kreises, Monika Glammert-Zwölfer, betont noch einen weiteren Aspekt: "Mit unseren Festen wollen wir den Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und Schlimmes erlebt haben, einfach ein paar schöne Stunden bereiten – sie sollen mal auf andere Gedanken kommen."

Seit kurzem bieten zwei Helferinnen des Kreises psychologische Betreuung und therapeutische Gespräche an. "Die Nachrichten aus der Heimat über Zerstörungen und tote Angehörige und Freunde sind für die Flüchtlinge sehr belastend", weiß Glammert-Zwölfer. Das kann Josfin, Jinas Tochter, bestätigen. Seit zwei Wochen fehle von den Verwandten in Syrien jede Nachricht. "Ich habe Angst", sagt sie leise.

Eine Angst, die den achtjährigen Andraus noch nicht allzu sehr belastet. Jinas jüngster Sohn ist ständig in Bewegung, lacht gern und viel und zeigt dabei die Lücken zwischen seinen Milchzähnen. Inzwischen geht er in die Grundschule – ja, die Kinder seien alle nett zu ihm –, er fährt leidenschaftlich gerne Fahrrad und spielt wie sein älterer Bruder Fußball im Grafrather Sportverein. Ob er schon wisse, was er später einmal beruflich machen wolle? "Computer", antwortet er, und strahlt. Auch der 16-jährige Akad hat Pläne, bald macht er ein Praktikum in einer Schreinerei. Und Nahrin möchte Verkäuferin werden.

Alle wollen sie in Deutschland bleiben, wünschen sich, dass der Rest der Familie aus Syrien nachkommen kann. Der 95-jährige Großvater hat bereits einen Ausreiseantrag gestellt. In München und Straubing hat Jina Verwandte, manche leben schon seit Jahren hier, sind mit Deutschen verheiratet. Sie fühlten sich wohl an diesem Ort, bekräftigt die 41-Jährige. Die Menschen seien offen und freundlich zu ihnen. Zurückgehen in die alte Heimat, selbst wenn Frieden wäre? Entschlossenes Kopfschütteln, "nein, nein". Ihre Zukunft ist hier.

Monika Glammert-Zwölfer und die HelferInnen des Asyl-Kreises planen immer wieder neue Aktivitäten. Eine Weihnachtfeier wird es geben und demnächst einen Schwimmkurs für Erwachsene. Doch nicht nur hierzulande soll es den Menschen gut gehen. Glammert-Zwölfer wünscht sich, "dass auch die Situation für die Flüchtlinge in den Lagern und Zeltstädten in Syrien selbst und in den Nachbarländern erträglicher wird". Und dass dieser Krieg endlich ein Ende findet.

Der Krieg in Syrien

Seit März 2011 tobt in Syrien ein grausamer Bürgerkrieg zwischen den Truppen der Regierung von Präsident Baschar al-Assad und den Kämpfern verschiedener Oppositionsgruppen. Als Auslöser gelten die Demonstrationen des Arabischen Frühlings Anfang 2011. Mehr als 100.000 Tote hat der Krieg bisher gefordert. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) sind mittlerweile mehr als zwei Millionen Menschen aus Syrien geflohen, die meisten von ihnen in den Libanon, nach Jordanien und in die Türkei. Die Bundesregierung hatte sich im März bereiterklärt, 5000 Flüchtlinge aufzunehmen. Seit dem Ausbruch des Konflikts sind bereits etwa 18.000 Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland gekommen. Ende November soll in Genf eine Internationale Friedenskonferenz stattfinden, bei der über eine politische Lösung für den Konflikt beraten werden soll.