Die späten Folgen des Zweiten Weltkrieges: Die Kinder von damals sind noch immer geprägt von belastenden Erfahrungen – und ihre Nachkommen auch

Von Jutta Oster

Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt fast 70 Jahre zurück, doch seine Folgen sind noch bis in die zweite und dritte Generation spürbar. Die Kinder von damals tragen bis heute schwer an den Erinnerungen an Bombardierung, Angst und Hunger und haben ihre unverarbeiteten Erfahrungen oft an die eigenen Kinder, die sogenannten Kriegsenkel, weitergegeben. Initiativen wie das "Forum Kriegskinder und Kriegsenkel" in Osnabrück bieten die Chance, über die eigene Familiengeschichte ins Gespräch zu kommen.

Die Villa Schlikker in Osnabrück hat viel gesehen: Die ehemalige Fabrikantenvilla diente der NSDAP als Verwaltungszentrale, nach dem Krieg übernahmen britische Besatzer die Räume. Heute treffen sich dort einmal im Monat Menschen, die den Zweiten Weltkrieg noch als Kinder erlebt haben, oder deren Nachfahren zum "Forum Kriegskinder und Kriegsenkel". An diesem Abend sind 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekommen. Sie alle sind vom Krieg – mittelbar oder unmittelbar – geprägt.

Thorsten Heese, der das Forum leitet, hält einen etwas löchrigen Rock aus rotem Stoff mit schwarzen Herzen in die Runde. Die Teilnehmer müssen nicht lange überlegen, was es damit auf sich hat: Ein Karnevalsrock aus der Nachkriegszeit, der Stoff stammt von einer roten Flagge, die schwarzen Herzen aus einem Hakenkreuz. Not machte eben pragmatisch. Und auch das zweite Stück, ein Care-Paket mit einer Originaldose amerikanischen Milchpulvers, ist einigen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch vertraut.

Die beiden Ausstellungsstücke sollen helfen, ins Gespräch zu kommen. Thorsten Heese weiß nie, wie es sich entwickeln wird. "Die Sprachlosigkeit überwinden" ist das Thema dieses Abends. Und es zeigt sich schnell: Sowohl die Kriegskinder als auch die Kriegsenkel leiden darunter, dass sie mit ihren Eltern nie offen über den Zweiten Weltkrieg sprechen konnten.

Das Museum lebendig machen

Heese ist Kurator für Stadtgeschichte und hat das von der Osnabrückerin Gabriele Heetderks gegründete Forum vor drei Jahren ins Kulturgeschichtliche Museum der Stadt geholt, als das die Villa inzwischen dient. "Wir sind kein Magazin alter Dinge. Das ist unser Versuch, das Museum lebendig zu machen", sagt der Historiker. Er hofft, dass er damit zum Dialog der Generationen beitragen kann – wenn die Kriegsenkel nicht mit ihren eigenen Eltern reden können, dann vielleicht mit anderen Vertretern dieser Generation. Auf jeden Fall sind Heese und Heetderks überzeugt, dass vieles in den mit den Kriegserfahrungen verbundenen Familiengeschichten noch aufgearbeitet werden muss.

Etwa seit der Jahrtausendwende ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass der Krieg zwar lange zurückliegt, seine Folgen aber bis in die zweite und dritte Generation noch zu spüren sind. Bis zu diesem Zeitpunkt stützte sich die Forschung eher auf die, die als Erwachsene die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Inzwischen sind die Kriegskinder und deren Kinder in den Fokus von Autoren, Psychologen und Historikern gerückt. In mehreren Städten gründeten sich Foren und Gesprächskreise.

Traumata wirken bis heute

Der Hamburger Arzt und Psychologe Ulrich Lamparter hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern exemplarisch untersucht, wie sich der Hamburger Feuersturm 1943, der große Teile der Stadt in Schutt und Asche legte, auf die Zeitzeugen und ihre Nachkommen ausgewirkt hat. Die Ergebnisse sind in dem Band "Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien" (Göttingen 2013) zusammengefasst. Lamparter schätzt, dass sechs bis acht Prozent der damaligen Kinder durch den Krieg traumatisiert wurden. Solche Traumata können in bestimmten Situationen wieder aufbrechen, etwa wenn die Betroffenen Kriegsszenen im Fernsehen sehen oder belastenden Situationen ausgesetzt sind, zum Beispiel einer Operation. Andere Menschen tragen belastende Erinnerungen mit sich, die sie bis heute prägen. Groß gesprochen wurde in den meisten Familien darüber nicht – den Krieg hatten doch alle erlebt, andere hatte es noch schlimmer getroffen, und vielleicht fiel es auch zu schwer, darüber zu reden. Und dann war da die Angst, die deutsche Schuld kleinzureden, wenn man über deutsches Leid sprach.

Die Ängstlichkeit bleibt – oft ein Leben lang

Die Osnabrückerin Ursula Rittwage kommt regelmäßig zum Forum in der Villa Schlikker. Sie setzt sich bewusst mit ihrer Familiengeschichte auseinander und hat mit 57 Jahren eine Traumatherapie gemacht. Seither geht es ihr deutlich besser. Sie spürt nicht mehr das Herzrasen, das sie immer dann fühlte, wenn sie in belastende Situationen geriet. Im Jahr 1942 geboren, ist sie ein klassisches Kriegskind. Und sie hat sehr frühe Erinnerungen an den Krieg. Wie sie mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern aus Schlesien geflohen ist. Wie die Mutter im Flüchtlingslager die Suppe im Stahlhelm holte. Wie sie, endlich in der neuen Heimat Osnabrück angekommen, doch immer die Außenseiterin blieb. Sie spürte die Blicke in der Kirche, die der verarmten Flüchtlingsfamilie galten, die Ausgrenzung in der Schule, den Unmut, wenn sie im Lebensmittelladen wieder anschreiben lassen musste.

Bis zu ihrer Therapie quälten sie immer wieder Alpträume von Decken, die über ihr zusammenstürzten, sie hatte Platzangst, konnte nicht ins Kino gehen oder volle Räume betreten. Ihren Vater empfand Ursula Rittwage als unnahbar. Er hat ihr nie erzählt, was er im Krieg erlebt hat. Zu ihrer Mutter hatte die Osnabrückerin ein gutes Verhältnis, doch sie glaubt, dass die Mutter ihre Überängstlichkeit auf die Tochter übertragen hat.

Das Grundgefühl der Angst kennt auch ein anderer Teilnehmer des Forums. Als Kind musste er wieder und wieder seinen Namen und seinen Heimatort aufsagen, weil seine Eltern Sorge hatten, dass er in den Kriegswirren verloren gehen könnte. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er im Bett, weil die Eltern keine Kraft hatten, sich um die Kinder zu kümmern. Damals hat er zwar nicht begriffen, worum es geht, aber die Ängstlichkeit der Eltern gespürt. Diese übertriebene Vorsicht begleitet ihn seitdem: "Meine Frau sagt immer, du hörst das Gras wachsen."

Weitergabe von Traumata

Die Angst der Kriegskinder, die Erfahrung von Bombardierung und Zerstörung, Flucht und Vertreibung, Hunger und Kälte ist keinesfalls vergessen und beschränkt sich nicht nur auf die Generation der Zeitzeugen. Heute weiß man, dass unverarbeitete Traumata von den Eltern an die eigenen Kinder weitergegeben werden können. Psychologen sprechen von der transgenerationalen, also generationenüberschreitenden Weitergabe von Traumatisierungen. Auch die Kriegsenkel, die Generation der heute etwa 35- bis 55-Jährigen, leiden unter den späten Folgen des Zweiten Weltkrieges.

Das in Berlin ansässige "Forum Kriegsenkel", das Vertretern dieser Generation die Möglichkeit zum Austausch geben möchte und eine Internetseite betreibt, hat in einer Studie typische Merkmale von Kriegsenkeln zusammengetragen. Die Nachfahren der Kriegsgeneration berichten zum Beispiel vom Gefühl, dass sie als Kinder für ihre Eltern heile Welt spielen mussten. Immer wieder nennen sie Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen, die Überschreitung der eigenen Grenzen und Kräfte, um es anderen Menschen recht zu machen, aber auch das Gefühl der Heimatlosigkeit und des Alleinseins. Manche Teilnehmer der Befragung berichten, dass sie sich zur Loyalität gegenüber ihrer Familie verpflichtet fühlen, dass sie moralischen Druck der Eltern spüren nach dem Motto: "Das bist du uns schuldig." Typisch ist auch die schnelle Verunsicherung, selbst durch kleinste Begebenheiten oder Äußerungen, und die Angst vor Veränderungen im Leben, etwa durch Arbeitslosigkeit.

Der Hamburger Arzt und Psychologe Ulrich Lamparter bestätigt, dass die Generation der Kriegsenkel zu Ängsten, Unsicherheit und depressiven Verstimmungen neigt – auch wenn die Erfahrungen und Verarbeitungsmuster in dieser Generation natürlich unterschiedlich sind. "Die Kriegsenkel haben als Kinder mitbekommen, dass es in der Lebensgeschichte der Eltern dunkle Stellen gibt, über die nicht gesprochen wurde. Diese Lücken haben sie dann durch ihre eigene Fantasie geschlossen." So wie eine Teilnehmerin des Osnabrücker "Forums Kriegskinder und Kriegsenkel", die ihren Namen nicht nennen möchte. Ihre Mutter war als Jugendliche in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt worden und musste dort fast fünf Jahre in einem Kohlebergwerk unter Tage arbeiten. Die Erfahrung von Hunger, Kälte, harter Arbeit und der Ungewissheit, was mit ihr passieren wird, hat sie nie überwunden.

Inzwischen hat die Teilnehmerin begriffen, dass ihre Mutter durch die Kriegserfahrung traumatisiert war. Als Kind spürte sie nur, dass mit der Mutter etwas nicht stimmte, aber offen sprechen konnte sie mit ihr darüber nicht. Immer stand wie ein Vorwurf der Satz im Raum: "Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es habt." Bei der Tochter kam das so an, als wäre es nicht erlaubt, dass es einem gut geht. "Wir hatten es zu Hause zwar warm, wir hatten genug zu essen und zum Anziehen, aber wir hatten nichts für die Seele", erzählt sie. Lange hat sie gedacht, dass sie als besonders sensibler Mensch falsch in der Familie war. Und lange hat sie gebraucht, bis sie es zulassen konnte, unbeschwert zu sein. Erst in der Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte ihrer Eltern hat sie diese besser verstehen gelernt.

Das Missverständnis der Generationen

Für Ulrich Lamparter ist dieses Generationenmissverständnis, diese Sprachlosigkeit typisch für die zweite und dritte Generation nach dem Krieg. Die Kriegsgeneration musste durchhalten und funktionieren – und hat auch nach dem Krieg so weitergelebt. Die folgende Generation fordert einen neuen Umgang mit Gefühlen und Innerlichkeit. Den Schlüssel sieht der Arzt und Psychologe in einem intensiven Austausch über die eigene Familiengeschichte – der noch aussteht. "Bislang ist der Zweite Weltkrieg in den Familien noch nicht verarbeitet", sagt Lamparter. Die Gespräche in der Villa Schlikker in Osnabrück sind ein Schritt auf dem Weg dorthin.