Integration für Fortgeschrittene: Migrantinnen müssen immer noch viele Kompromisse machen

Von Regina Käsmayr

Nach 50 Jahren Zuwanderung stehen türkischstämmige Migrantinnen deutlich besser da als die erste Generation der Einwanderinnen. Dennoch: Wenn es um Männer und Religion geht, werden nur wenig Kompromisse geduldet. Ein Beitrag zur Interkulturellen Woche, die in diesem Jahr unter dem Motto steht: "Rassismus entsteht im Kopf. Offenheit auch."

Gül (Name geändert) hat gelernt, die Dinge zu ertragen. Sie war sechs Jahre alt, als ihre Eltern sie bei der Großmutter in der Türkei zurückließen, um in Deutschland als Gastarbeiter Fuß zu fassen. Ihre drei jüngeren Geschwister nahmen sie mit. "Damals gab es ein Gesetz, das nur die Einreise von drei Kindern erlaubte", erinnert sich die heute 52-Jährige. "Ich war das vierte. Und das älteste." Fünf Jahre später sah die Rechtslage anders aus, und Gül durfte nachkommen. Doch in Deutschland fand sie keine neue Heimat. "Ich musste immer auf meine jüngeren Geschwister aufpassen, durfte nicht zur Schule gehen und konnte kein Wort Deutsch", erzählt sie. Erst mit 16 Jahren lernte sie auf einer Berufsschule die Sprache, kam mit deutschen Jugendlichen in Kontakt und fuhr selbstständig mit dem Bus zu ihrer Ausbildungsstätte. Lange sahen ihre Eltern dabei nicht zu, denn morgens und abends, wenn sie zur Bushaltestelle ging, hätten ihr Männer auflauern können. Und das war den Eltern die Sache nicht wert. Die Jungfräulichkeit ihrer Tochter ging ihnen über ihre berufliche Zukunft. Also musste Gül die Lehre abbrechen.

Mit 20 lernte sie ihren heutigen Mann kennen. Das Paar heiratete und bekam vier Kinder. Aber die Zwänge und Bevormundungen hörten damit nicht auf. "Wir waren uns einig, dass unsere Kinder mehr Freiheiten bekommen sollten", sagt Gül. "Sie können selbst entscheiden, wer ihre Freunde sind, welchen Beruf sie ergreifen und wie oft am Tag sie beten wollen. Aber all das galt nur für sie. Nie für mich."

Aylin (Name geändert), Güls Tochter, schiebt sich mitten im Fastenmonat Ramadan eine Dattel in den Mund und erklärt selbstbewusst, dass sie ohne Essen, Trinken und Zigaretten nicht auskommen kann. Über das Leben ihrer Mutter sagt sie: "Ich finde das ziemlich traurig." Denn ihr Ehemann verbietet Gül, arbeiten zu gehen und Auto zu fahren – genau wie früher ihre Eltern. Wenn er glaubt, dass sie einen anderen Mann angesehen hätte, wird er wütend, selbst beim Spazierengehen. "Warum guckst du ständig von rechts nach links?", fragt er sie dann. "Weil Gott mir zwei Augen gegeben hat", antwortet sie. Und schon ist ein Streit im Gange. Gibt Gül nicht nach, wird ihr Mann aggressiv und wirft Sachen durch den Raum. Aber nur zu Hause in den vier Wänden. Denn nach außen will der Familienvater modern und deutsch wirken.

Die Migrantinnen der zweiten Generation sind unter ganz anderen Voraussetzungen aufgewachsen. Eine Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zeigt, dass sie deutlich häufiger als ihre Eltern einen Schulabschluss haben. In der ersten Generation der Frauen (35 bis 64 Jahre) hatten nur 35 Prozent sehr gute Deutschkenntnisse, bei der zweiten Generation (15 bis 34 Jahre) sind es bereits 70 Prozent. Laut der Studie sprechen die türkischstämmigen Frauen in der Regel übrigens besser Deutsch und machen häufiger Abitur als ihre männlichen Landsleute.

Den Balanceakt zwischen den beiden Kulturen schaffen sie trotzdem nicht immer. Sevgi gehört mit ihren 38 Jahren statistisch betrachtet noch zur ersten Generation. Sie wurde zwar in Kassel geboren, zog aber im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie in die Türkei und dann als Jugendliche wieder zurück nach Deutschland. Jeder Umzug war ein Kulturschock. "Waren wir in der Türkei, so hieß es über uns: 'Die Verdeutschten kommen'. Waren wir in Deutschland, so nannte man uns Kümmeltürken und Kanacken." Noch heute leidet Sevgi unter den Anfeindungen von damals. Manchmal reicht ein einziger schiefer Blick, damit sie denkt: "Die kann mich sicher nicht leiden, weil ich Türkin bin."

Äußerlich sieht man ihr diese Unsicherheit nicht an. Sevgi trägt die Haare offen, das Make-up ist makellos, die Fingernägel perfekt manikürt. Sie arbeitet in einem Modegeschäft, verdient ihr eigenes Geld und hat auch sonst alle Freiheiten, die sie sich wünscht. Und trotzdem: Die Vergangenheit lässt sie nicht los. Immer wieder tauchen die Bilder vor ihrem inneren Auge auf, wie ihre Klassenkameraden ihr das Kopftuch herunterreißen und behaupten, sie hätte Läuse. Fünf Jahre lang trug sie es trotzdem. Dann nahm sie es ab, um Frieden zu haben. "Ich bewundere jede Muslimin, die das Kopftuch trägt", sagt Sevgi. "Ich selbst trage es nur aus Feigheit nicht mehr."

Wird Sevgi gefragt, ob sie sich eher als Deutsche oder als Türkin sieht, antwortet sie: "Ich bin eine deutsche Staatsbürgerin mit türkischer Abstammung, die die Religion Islam vertritt." Im Alltag bedeutet das, dass sie ständig zwischen zwei Sprachen hin und her wechselt, modern und selbstbewusst ist und regelmäßig betet.
Elif Duygu Cindik arbeitet als türkischsprachige Psychiaterin und Therapeutin in München und kennt die Probleme der Migrantinnen aus der zweiten Generation. "Zuhause erleben sie die Herkunftskultur, lernen die Sprache der Eltern, und im Berufsleben werden sie vornehmlich deutsch sozialisiert", schreibt sie in einer Abhandlung. "Diese Menschen müssen tagtäglich mit unterschiedlichen Wertvorstellungen leben und sich der jeweiligen Umgebung anpassen, das bewirkt in der Regel eine Vielseitigkeit innerhalb der Person selbst." Wissenschaftliche Untersuchungen hätten gezeigt, dass es dadurch zu Identitätskonflikten und sogar psychischen Erkrankungen kommen kann. Krisen entstünden vor allem dann, wenn sich Eltern und Kinder über Wertvorstellungen zum Thema Partnerschaft, Heirat, Geschlechterrollen und Sexualität nicht einig sind. Gerade junge Türkinnen kommen dadurch schnell in Konflikt mit ihrem Umfeld. Die 19-jährige Demet hat es gut, denn ihre Eltern sind grundsätzlich "ziemlich locker", wie sie sagt. "Ich darf feiern gehen und männliche Freunde haben", erzählt sie. "Das ist oft ein Dorn im Auge der gleichaltrigen Mädchen, weil sie es nicht dürfen."

Wenn es um die Religion geht, gibt es keine Kompromisse. Sevgi wünscht sich für ihre Tochter später einen Mann mit der gleichen Kultur und Religion. Gül sähe ihre unverheirateten Töchter lieber an der Seite eines Deutschen, in der Hoffnung, dass sie mehr Freiheiten haben mögen als sie selbst.

Gül, Sevgi, Demet. Drei Frauen aus drei Altersklassen. Es liegt ein Hauch von Zerrissenheit in der Luft, wenn sie miteinander sprechen. So unterschiedlich ihr Leben ist, so verschieden sind ihre Ansichten. Deshalb drehen sich die Gesprächsthemen von Türkinnen oft mehr um Haare, Kleidung und Kochrezepte, als um Religion und Gefühle. Man will einander nicht vor den Kopf stoßen und niemandem zu nahe treten. So gut die türkischstämmigen Migrantinnen in Deutschland auch Fuß gefasst haben, so kompliziert ist es für sie immer noch, ihren Weg zu gehen. Demet wünscht sich deshalb vor allem Verständnis, auch von den Deutschen. "Sie wissen viel zu wenig von uns. Integration bedeutet ja nicht, dass wir uns komplett anpassen müssen. Es wäre doch toll, wenn wir uns gegenseitig unsere Kulturen zeigen. Manchmal reicht es auch schon, beim Grillen auf dem Fußballplatz einen zweiten Grill mit Rindfleisch für die Türken aufzubauen."