Goldener Stoff vom Meeresgrund: Auf Sardinien lebt die letzte Muschelseidenweberin der Welt

Von Constanze Bandowski

Auf der sardischen Insel Sant’Antioco lebt die letzte Muschelseidenweberin der Welt. Chiara Vigo setzt sich für den Erhalt des traditionellen Kunsthandwerkes ein und kämpft für die Rettung des Mittelmeeres.

Tief und kraftvoll erhebt sich der Gesang über die seichten Wellen des Mittelmeeres. Chiara Vigo steht barfuß am Strand und blickt der aufgehenden Sonne entgegen. Sie hält die Hände zum Gebet gefaltet, die Augen geschlossen. Ihre schwarzen Haare wehen im Morgenwind. Die raue Altstimme begrüßt das Meer mit einer Ode an das Leben. Ohne dieses Ritual rührt die sardische Meisterin der Muschelseidenweberei keinen Faden an.

Heute muss die Arbeit jedoch warten. Chiara Vigo eilt ins Rathaus. Der Bürgermeister von Sant’Antioco soll ihre Mission unterstützen. "Meine Aufgabe ist es, das Meer zu retten", erklärt die 56 Jahre alte Sardin. Im Vorbeigehen schimpft sie die Fischer aus: "Ihr zerstört mit euren Motorbooten die Umwelt!" Ihre dunklen Augen schießen Blitze ab, während sie den Männern vorwirft, Jungtiere abzufischen. Damit gefährden sie nicht nur den Fischbestand, sondern auch die Pinna nobilis, die Edle Steckmuschel, deren sogenannte Byssusfäden die Grundlage ihres traditionellen Kunsthandwerks bilden und die vom Aussterben bedroht ist.

Bürgermeister Mario Corongiu hat keine Zeit, aber die Kulturbeauftragte Daniela Ibba hört sich das Anliegen geduldig an. "Sant’Antioco hat ein einzigartiges Ökosystem", doziert Chiara Vigo. "Dieses Archipel besitzt die größte Artenvielfalt des Mittelmeeres. Wir müssen endlich Schutzzonen einrichten und ein wissenschaftliches Monitoring installieren." Chiara Vigo fordert den strengen Schutz der Muschelbänke sowie ein nachhaltiges Tourismuskonzept, das in Kooperation mit dem Meeresbiologischen Institut der Universität von Cagliari eine Art Foto-Muschel-Safari beinhalten soll. Der Plan klingt einleuchtend, denn die strukturschwache Gegend im Südwesten Sardiniens benötigt Geld und Arbeitsplätze. Tourismus könnte eine Lösung sein.

Voller Eifer beklagt Chiara Vigo die Missachtung bestehender Gesetze. Seit 1992 steht die Edle Steckmuschel unter Naturschutz, 1997 bestätigte dies die italienische Regierung per Dekret. "Es gibt dieses Gesetz, aber niemand kümmert sich darum!", wettert sie. "Dies ist eine Brutstätte nicht nur für Byssus! Hier wachsen auch Muscheln, Fische und Krebse. Ich, Chiara Vigo, will die Umwelt schützen! Ich will die Tradition der Byssusweberei für zukünftige Generationen sichern!"

Daniela Ibba gibt sich diplomatisch. Sie weiß, dass die Muschelseidenweberei seit dem achten Jahrhundert vor Christus auf dem Eiland existiert. Die Phönizier brachten das Wissen um die goldenen Fäden, mit denen sich die Pinna nobilis im Meeresboden verankert, ins damalige Sulcis.

"Wir werden diese wichtige Ressource nutzen", sagt sie. Bisher ist Sant’Antioco nur durch seine phönizischen Ausgrabungen bekannt. Und durch Chiara Vigo, die letzte Muschelseidenweberin der Welt. Seit einem Jahr stellt ihr die Stadt den Palast "Monte Granatico" kostenfrei zur Verfügung.

Chiara Vigo schließt die schwere Tür ihres Ateliers auf und betritt den kühlen Saal. In zentraler Position steht ein hölzerner Webstuhl, davor fünf Stuhlreihen. Die Hälfte des Raumes nehmen Vitrinen ein mit Urkunden, Webstücken, Fotos, alten Spindeln, Kämmen, Muscheln und Purpurschnecken. Auf der anderen Seite des Saales hat Chiara Vigo den Meeresgrund nachgestellt: heller Sand, Seesterne, verschiedene Muschelarten und einige Exemplare der Pinna nobilis. Endlich bekommt ihre Arbeit ein Gesicht.

Die Edle Steckmuschel steht aufrecht im Meeresgrund. Das schlanke Weichtier kann bis zu 120 Zentimeter groß werden. Damit es nicht umkippt, verankert es sich über lange Fäden im Boden. Diese Muschelseide, auch Byssus genannt, wurde bereits in der Antike für kostbare Gewänder und Wandbehänge genutzt. Das Fleisch war ein begehrtes Nahrungsmittel. Über Generationen gaben die Muschelseidenweberinnen ihr Wissen an die Töchter weiter, bis das letzte Atelier Ende des Zweiten Weltkrieges schloss. Durch Überfischung und Umweltverschmutzung dezimierten sich die Bestände der Pinna nobilis, die Muschelseidenweberei schlief ein.

Chiara Vigo erlernte die Webkunst und ihre Mythen von der Großmutter. "Mit fünf Jahren hatte ich zum ersten Mal eine Spindel in der Hand", erzählt sie. "Mit zwölf begann ich zu weben." Sie lernte den Meeresgruß, das Abschneiden der Fäden, das Säubern, Färben mit Purpurschnecken und Spinnen bis hin zum Abendgebet. "Byssus ist Leben", sagt die Meisterin mit einem beschwörenden Blick. Mit 27 Jahren legte sie einen Schwur ab. "Wenn du die Welt liebst, schenkst du ihr etwas Schönes. Ich schenke der Menschheit meine Weberei."

Behutsam zupft Chiara Vigo ein Büschel von dem schlammfarbenen Material auf der Werkbank ab. Wie Engelshaar liegt der Flaum auf ihrer Handfläche, weich, kaum spürbar. Er riecht modrig, aber gegen das Tageslicht gehalten, verwandelt sich das Büschel in Gold. Chiara Vigo setzt sich an den Webstuhl, beugt sich über den alten Rahmen, kneift die Augen zusammen und zählt die Fäden auf dem ausgebreiteten Papiermuster. "Elf, zwölf, dreizehn …" Der Rahmen klappert, das Schiffchen saust durch das gespannte Leinen, dann flicht sie das Muster mit Nadel und Byssusfaden ein. Dies wird ihre Jahresarbeit, ein Wandteppich für das Kunstmuseum in Oxford, etwa 45 mal 50 Zentimeter groß, Byssus auf Leinen, das Motiv: Baum mit Pfau.

Pro Jahr webt Chiara Vigo ein Objekt mit Meeresseide. Mehr Material hat sie nicht, denn nur einmal im Jahr im Mai kann sie die Fäden abschneiden, ohne die Steckmuscheln zu töten. Die diesjährige Ernte brachte 300 Gramm Rohmaterial. Gesäubert und gekämmt verbleiben 30 Gramm reinster Muschelseide. Das reicht gerade für einen Wandbehang. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich mit anderen Webstücken und mit Spenden.

Chiara Vigo möchte eine Webschule gründen und damit das kulturelle Erbe ihrer Großmutter bewahren. Sie ist ein wandelndes Lexikon in Sachen Muschelseide und Textilien. Sie stellt Garn aus Sisal, Soja, Baumwolle oder Leinen her, beherrscht die verschiedensten Webarten und kann mehr als hundert Farbtöne aus Naturmaterialien anmischen. Als anerkannte Expertin hat sie das heilige Tuch der Veronika in Manoppello begutachtet und festgestellt, dass diese Reliquie aus Byssus gewebt wurde. In ihrer Webschule will Chiara Vigo ihr Wissen weitergeben. Das Geheimnis der Byssusweberei behält sie jedoch für die jüngere ihrer beiden Töchter vor.

Die 25-jährige Maddalena hat Hotellerie studiert und möchte ihre beiden Leidenschaften miteinander verbinden: Ihr Traum ist ein Hotel, in dem die Byssusweberei einen besonderen Platz einnimmt. Wenn Maddalena bereit ist, wird sie ihrer Mutter einen Eid leisten. Bis dahin geht Chiara Vigo allein an den Strand, um ihr Tagwerk zu beenden. Wieder schallt ihr tiefer Alt über die Wellen, dieses Mal in Richtung Westen. "Deus salve Maria", singt sie, ein altes sardisches Lied. Dann tanzt sie zum Abschied des Tages im seichten Wasser und begrüßt den Engel der Nacht.