Ein radikaler Schnitt: Vorsorgliche Brustamputation in der Diskussion

Von Regina Käsmayr

Im Mai machte die weltberühmte Schauspielerin Angelina Jolie ganz besondere Schlagzeilen: Alle Welt redete über ihre Brustamputation. Zahlreiche Medien haben darüber berichtet. Doch dabei wurden oft Details verschwiegen und ungenügend über Brustkrebs-Vorsorge informiert. Ein Ärgernis für viele Frauen, die selbst von einem erhöhten Brustkrebsrisiko betroffen sind.

Angelina Jolie ist nicht die erste, die sich dazu entschlossen hat, durch eine vorbeugende Mastektomie ihr Krebsrisiko zu senken. Sie trägt eine Mutation des Gens BRCA, wodurch eine Erkrankung an Brustkrebs in ihrem Fall sehr wahrscheinlich war. Allein in Deutschland wurden solche Operationen schon rund 150 Mal durchgeführt. Und doch hat Jolies Gang an die Öffentlichkeit Spuren hinterlassen. Denn die Schauspielerin genießt den Ruf, die schönste Frau der Welt zu sein. Wohl vor allem deshalb löste die Nachricht so viel Irritation, Sensationsgier und Mitgefühl aus.

"Ich habe mich sehr über die Berichterstattung aufgeregt", sagt Marion Seifert (Name geändert), die selbst ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs in sich trägt. "Man musste sich schon stark mit dem Thema beschäftigen, um die medizinischen Details herauszufinden. Von der Bedeutung regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen war kaum die Rede. Meist wurde nicht einmal geschrieben, dass Angelina Jolies Brüste wieder aufgebaut wurden, dass sogar die Brustwarze erhalten blieb!"

Engmaschige Früherkennung nutzen
Frauen wie Marion Seifert entscheiden sich häufig für eine genetische Beratung in einem der 15 deutschen Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs. "Wenn drei Frauen in einer Familie an Brustkrebs erkrankt sind, es Fälle von Brustkrebs in frühem Alter vor der Menopause oder Kombinationen mit Eierstockkrebs gibt, ist eine genetische Beratung sinnvoll", erklärt der Münsteraner Humangenetiker Peter Wieacker. Erscheint dabei das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken als hoch, so wird meist ein Gentest durchgeführt wie im Falle von Angelina Jolie.

Allerdings bringt auch dieser Test niemals endgültige Klarheit. "Ist er unauffällig, so muss das noch lange nicht heißen, dass man keinen Brustkrebs bekommen kann", stellt der Humangenetiker klar. "Wir wissen, dass es außer BRCA-1 und -2 noch weitere Gene gibt, deren Mutation zu erblichem Brustkrebs führen kann."

Fällt der Test positiv aus, so werden bei der betroffenen Frau weitere Beratungen durchgeführt. Dann steht sie vor der Entscheidung, engmaschige Früherkennungsmaßnahmen oder eine prophylaktische Operation durchführen zu lassen. "Das ist aber immer eine Entscheidung der Frau. Wir raten nicht zu einer bestimmten Option", sagt Wieacker.

Weil in ihrer Familie bereits zwei Frauen an Brustkrebs gestorben sind, gehört auch Marion Seifert zur Risikogruppe – obwohl sie bisher keinen Gentest gemacht hat. Vorsorglich lässt die 39-Jährige deshalb jedes Jahr ein Screening mit Ultraschall und Mammografie durchführen. Bisher ohne alarmierendes Ergebnis. Darauf vertraut sie. "Ich gehe davon aus, dass durch die Screenings der Krebs in einem frühen Stadium erkannt werden würde. Dann sind normalerweise die Heilungschancen gut", hofft Marion Seifert. Das bestätigt auch Wieacker. "Durch sorgfältige Screenings besteht die Hoffnung, Krebs zu einem frühen Zeitpunkt zu erkennen. Durch eine Entfernung der Brust senkt man stattdessen von vornherein das Risiko, überhaupt Brustkrebs zu bekommen. Es ist aber auch dann nicht gleich Null."

Auch Daniel Haidinger vom Verein "Brustkrebs Deutschland" warnt davor, die prophylaktische Mastektomie als Endlösung gegen Brustkrebs zu betrachten. "Es sollte nicht vergessen werden, dass die Operation mit zahlreichen Risiken verbunden ist", sagte er gegenüber der Süddeutschen Zeitung. "Es wird eine große Fläche Gewebe abgelöst, die Wundfläche ist enorm." Jolies Äußerungen in der New York Times zu dem Eingriff seien sehr positiv gedacht und formuliert, doch "der Eingriff in das Privatleben einer Frau ist enorm, und das Körpervertrauen muss völlig neu aufgebaut werden". Langzeitfolgen und Beeinträchtigungen seien keine Seltenheit.

Im Übrigen und nicht zuletzt spielt in diesem Zusammenhang die Kostenübernahme durch Versicherer eine nicht geringe Rolle. Bei Frauen mit einer familiären Vorgeschichte übernehmen die Kassen und Versicherer die Kosten für die Untersuchungen oftmals problemlos. Ist das nicht der Fall, kann man den Gentest auch privat in Auftrag geben – er kostet zwischen 3000 und etwa 6000 Euro. Bei einer "vorsorglichen" Brustamputation wie bei Angelina Jolie wären zwischen 15.000 Euro und 30.000 Euro fällig. Über die Übernahme von vorsorglichen Brustamputationen entscheiden die Versicherer im Einzelfall.