Lebendig halten: Zwei Frauen vermitteln Wissen über jüdisches Alltagsleben

Von Jutta Oster

Sie bieten Vorträge und Workshops, gestalten Ausstellungen und schreiben über jüdische Kultur: Esther Graf und Manja Altenburg haben vor fünf Jahren die "Agentur für Jüdische Kulturvermittlung" gegründet, mit der sie das Judentum und seinen kulturellen Reichtum in Deutschland bekannter machen wollen.

Manja Altenburg und Esther Graf beginnen ihre Vorträge gern mit ihrem ganz persönlichen Blondinenwitz. Sie selbst sei das beste Beispiel dafür, dass man "blond, blauäugig und trotzdem jüdisch sein kann", sagt Manja Altenburg dann. Und räumt mit dem Stereotyp auf, dass alle Jüdinnen "dunkle Haare, Korkenzieherlocken und große Nasen" haben. Der Blondinenwitz zündet immer. "Es ist, als würde eine Welle der Erleichterung durch den Saal gehen", sagt Esther Graf. Die Zuhörer schmunzeln, legen ihre Befangenheit und ihr Schuldbewusstsein ab. Sie trauen sich, Fragen über das Judentum zu stellen, die über das typische: "Essen Sie koscher?", hinausgehen.

Judentum noch immer lebendig
Genau diese Neugierde wünschen sich Esther Graf (43) aus Mannheim und Manja Altenburg (38) aus Heidelberg. Und, ja, die beiden Jüdinnen essen auch koscher. Sie haben vor fünf Jahren die "Agentur für Jüdische Kulturvermittlung" gegründet, mit der sie jüdisches Alltagsleben in Deutschland bekannter machen wollen. Sie entwickeln Ausstellungen, halten Vorträge, leiten Workshops und bieten Führungen durch das jüdische Mannheim oder Heidelberg an. Sie organisieren Hebräischkurse und koschere Buffets, recherchieren zu Menschen jüdischer Herkunft, schreiben über Kunst, Musik, Literatur, Humor, Rituale und Feste.

Sie befassen sich auch mit der Schoah, aber sie wollen nicht, dass das Judentum im Bewusstsein der deutschen Gesellschaft nur auf den Holocaust begrenzt wird. Oft erleben sie, dass Menschen ihnen mit der Haltung entgegentreten: "Ihr seid jüdisch, das tut mir leid." Thema der Kulturvermittlerinnen ist deshalb vielmehr die jüdische Lebensart, die in Deutschland noch immer sehr lebendig ist, auch durch den Zuzug von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Esther Graf und Manja Altenburg möchten das Judentum und seinen kulturellen Reichtum aus dem musealen Bereich, aus den Vitrinen hervorholen.

Die beiden Frauen, die früher als Museumskuratorinnen gearbeitet haben und Absolventinnen der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg sind, kennen sich über gemeinsame freiberufliche Projekte. An diesem Tag treffen sie sich in den Räumen der Jüdischen Gemeinde in Mannheim. Manja Altenburg wird am Abend einen Kurs für israelische Tänze leiten, Esther Graf nimmt regelmäßig daran teil. Bei einem Rundgang zeigt sie ihren Platz am Fenster in der Synagoge und die kleine Ausstellung in den Vorräumen, die sie zusammen mit Altenburg erstellt hat.

Fragt man die beiden nach ihren liebsten Projekten, werden sie sich nicht so ganz einig, so viele fallen ihnen ein. Da ist zum Beispiel die Wanderausstellung "Dem Vergessen entrissen" über jüdisches Leben im Kraichgau. Oder ein Kartenspiel zum jüdischen Leben in Mannheim. Oder die Ausstellung in der Alten Synagoge Essen, für die Esther Graf und Manja Altenburg den Teilbereich "Jüdischer Way of Life" gestaltet haben. Da ist der "Menachem & Fred-Wanderweg" im Kraichgau, an dem die beiden mitgearbeitet haben – ein Projekt, das sie besonders berührt hat. Der Wanderweg erinnert an die jüdischen Brüder Menachem und Fred, die als Kinder am Sabbat die acht Kilometer von Hoffenheim zu ihrer Oma nach Neidenstein liefen. Die Brüder haben den Holocaust überlebt und wohnen heute in Israel und den USA.

Das Judentum selbst leben
Seltener werden Manja Altenburg und Esther Graf zur Aufarbeitung historischer Themen angefragt. "Bei den meisten Projekten geht es um das jüdische Leben jetzt und hier in der Region", sagt Esther Graf. Natürlich spielt es dabei eine Rolle, dass die beiden über jüdischen Alltag nicht nur referieren, sondern ihn selbst leben. Esther Graf, ursprünglich aus Wien, ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Mannheim und bezeichnet sich selbst als "bedingt praktizierend". Sie hält sich an die Gebote, will aber nicht allzu streng dabei sein, sie geht am Freitagabend – dem Beginn des Sabbat, des jüdischen Ruhetages – zum Gottesdienst in die Synagoge und begeht die Feiertage. Auch ihre beiden Töchter, elf und 13 Jahre alt, erzieht sie im jüdischen Glauben.

Manja Altenburg nickt, auch sie ist praktizierende Jüdin in der Gemeinde Heidelberg. Dort ist sie vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv, weil sie den Kindern eine "Hilfestellung bei der Entwicklung jüdischer Identität" geben will. Und das koschere Essen fällt ihr leicht, sie ist ohnehin Vegetarierin. Für die gebürtige Hannoveranerin ist gelebtes Judentum aber mehr als der Glaube und seine Gebote, sie interessiert sich für die gesamte jüdische Kultur, für Filme, Literatur und zeitgenössische Kunst.

Schoah als Teil der Familiengeschichte
Die Schoah ist Teil der Geschichte – und auch Teil ihrer Familiengeschichte. Ihre Großmutter hat den Holocaust als Einzige ihrer engeren Familie überlebt. Dies gelang ihr, weil sie in Berlin mit einem gefälschten Pass lebte und andere Berliner Bürger sie deckten. In der Familie von Esther Graf wanderten einige Verwandte nach Palästina aus, andere blieben und wurden inhaftiert. Der Großvater überlebte. Doch gerade weil die Schoah ohnehin Teil der individuellen wie der jüdischen Kollektivgeschichte ist, wollen Esther Graf und Manja Altenburg nicht immer darüber reden, sondern mit ihrer Agentur einen anderen Schwerpunkt setzen.

In Deutschland fühlen sich die beiden Frauen recht sicher – trotz antisemitischer Angriffe wie beispielsweise in Berlin auf den Rabbiner Daniel Alter im August vergangenen Jahres. "Die Gegenbewegung und die Solidarität sind ungeheuer stark, das berührt mich sehr", sagt Esther Graf. Auch Manja Altenburg fühlt sich nicht bedroht, "vielleicht weil ich mich nicht bedroht fühlen möchte". Mehr trifft sie eine Art von unterschwelligem Antisemitismus, den sie auch unter Freunden wahrgenommen hat, als es zum Beispiel um die Beschneidungsdebatte ging. Insgesamt haben die Jüdinnen nicht mehr das Gefühl, in Deutschland auf gepackten Koffern zu sitzen. Bei ihren Töchtern, die eine Generation mehr zeitliche Distanz zum Holocaust haben, nimmt Esther Graf das noch deutlicher wahr.

Der israelische Tanz und seine Energie
Dienstagabend, 18 Uhr. Zeit zum Tanzen. Rund ein Dutzend Frauen und ein Mann kommen jede Woche in die Jüdische Gemeinde in Mannheim, um israelische Tänze zu lernen. Manja Altenburg leitet den Kurs, sie tanzt selbst seit 31 Jahren. Sie schätzt den Tanz als Kommunikationsmittel, das Ländergrenzen überschreitet. Wer die Schritte beherrscht, kann auch in Tel Aviv am Sabbat tanzen. Helga Sieber kommt hierher, obwohl sie keine Jüdin ist. Von allen internationalen Tänzen schätzt sie den israelischen am meisten. "Er hat einfach eine besondere Energie. Freunde sagen mir immer, dass mein Gesicht ganz anders aussieht, wenn ich vom Tanzen komme."

Weitere Informationen:
www.juedische-kulturvermittlung.de

Frau + Mutter 0708/2013: Ein radikaler Schnitt


Ein radikaler Schnitt
Vorsorgliche Brustamputation in der Diskussion

Von Regina Käsmayr

Im Mai machte die weltberühmte Schauspielerin Angelina Jolie ganz besondere Schlagzeilen: Alle Welt redete über ihre Brustamputation. Zahlreiche Medien haben darüber berichtet. Doch dabei wurden oft Details verschwiegen und ungenügend über Brustkrebs-Vorsorge informiert. Ein Ärgernis für viele Frauen, die selbst von einem erhöhten Brustkrebsrisiko betroffen sind.

Angelina Jolie ist nicht die erste, die sich dazu entschlossen hat, durch eine vorbeugende Mastektomie ihr Krebsrisiko zu senken. Sie trägt eine Mutation des Gens BRCA, wodurch eine Erkrankung an Brustkrebs in ihrem Fall sehr wahrscheinlich war. Allein in Deutschland wurden solche Operationen schon rund 150 Mal durchgeführt. Und doch hat Jolies Gang an die Öffentlichkeit Spuren hinterlassen. Denn die Schauspielerin genießt den Ruf, die schönste Frau der Welt zu sein. Wohl vor allem deshalb löste die Nachricht so viel Irritation, Sensationsgier und Mitgefühl aus.
„Ich habe mich sehr über die Berichterstattung aufgeregt“, sagt Marion Seifert (Name geändert), die selbst ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs in sich trägt. „Man musste sich schon stark mit dem Thema beschäftigen, um die medizinischen Details herauszufinden. Von der Bedeutung regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen war kaum die Rede. Meist wurde nicht einmal geschrieben, dass Angelina Jolies Brüste wieder aufgebaut wurden, dass sogar die Brustwarze erhalten blieb!“

Engmaschige Früherkennung nutzen
Frauen wie Marion Seifert entscheiden sich häufig für eine genetische Beratung in einem der 15 deutschen Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs. „Wenn drei Frauen in einer Familie an Brustkrebs erkrankt sind, es Fälle von Brustkrebs in frühem Alter vor der Menopause oder Kombinationen mit Eierstockkrebs gibt, ist eine genetische Beratung sinnvoll“, erklärt der Münsteraner Humangenetiker Peter Wieacker. Erscheint dabei das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken als hoch, so wird meist ein Gentest durchgeführt wie im Falle von Angelina Jolie.
Allerdings bringt auch dieser Test niemals endgültige Klarheit. „Ist er unauffällig, so muss das noch lange nicht heißen, dass man keinen Brustkrebs bekommen kann“, stellt der Humangenetiker klar. „Wir wissen, dass es außer BRCA-1 und -2 noch weitere Gene gibt, deren Mutation zu erblichem Brustkrebs führen kann.“
Fällt der Test positiv aus, so werden bei der betroffenen Frau weitere Beratungen durchgeführt. Dann steht sie vor der Entscheidung, engmaschige Früherkennungsmaßnahmen oder eine prophylaktische Operation durchführen zu lassen. „Das ist aber immer eine Entscheidung der Frau. Wir raten nicht zu einer bestimmten Option“, sagt Wieacker.
Weil in ihrer Familie bereits zwei Frauen an Brustkrebs gestorben sind, gehört auch Marion Seifert zur Risikogruppe – obwohl sie bisher keinen Gentest gemacht hat. Vorsorglich lässt die 39-Jährige deshalb jedes Jahr ein Screening mit Ultraschall und Mammografie durchführen. Bisher ohne alarmierendes Ergebnis. Darauf vertraut sie. „Ich gehe davon aus, dass durch die Screenings der Krebs in einem frühen Stadium erkannt werden würde. Dann sind normalerweise die Heilungschancen gut“, hofft Marion Seifert. Das bestätigt auch Wieacker. „Durch sorgfältige Screenings besteht die Hoffnung, Krebs zu einem frühen Zeitpunkt zu erkennen. Durch eine Entfernung der Brust senkt man stattdessen von vornherein das Risiko, überhaupt Brustkrebs zu bekommen. Es ist aber auch dann nicht gleich Null.“
Auch Daniel Haidinger vom Verein „Brustkrebs Deutschland“ warnt davor, die prophylaktische Mastektomie als Endlösung gegen Brustkrebs zu betrachten. „Es sollte nicht vergessen werden, dass die Operation mit zahlreichen Risiken verbunden ist“, sagte er gegenüber der Süddeutschen Zeitung.
 „Es wird eine große Fläche Gewebe abgelöst, die Wundfläche ist enorm.“ Jolies Äußerungen in der New York Times zu dem Eingriff seien sehr positiv gedacht und formuliert, doch „der Eingriff in das Privatleben einer Frau ist enorm, und das Körpervertrauen muss völlig neu aufgebaut werden.“ Langzeitfolgen und Beeinträchtigungen seien keine Seltenheit.
Im Übrigen und nicht zuletzt spielt in diesem Zusammenhang die Kostenübernahme durch Versicherer eine nicht geringe Rolle. Bei Frauen mit einer familiären Vorgeschichte übernehmen die Kassen und Versicherer die Kosten für die Untersuchungen oftmals problemlos. Ist das nicht der Fall, kann man den Gentest auch privat in Auftrag geben – er kostet zwischen 3000 und etwa 6000 Euro. Bei einer „vorsorglichen“ Brustamputation wie bei Angelina Jolie wären zwischen 15.000 Euro und 30.000 Euro fällig. Über die Übernahme von vorsorglichen Brustamputationen entscheiden die Versicherer im Einzelfall.