Allein unter Männern: Junge Frauen behaupten sich in untypischen Berufen

Von Regina Käsmayr

Männer zeigen laut Statistik kaum Neigung, einen klassischen Frauenberuf zu ergreifen. Frauen hingegen wagen sich langsam in technische, handwerkliche und naturwissenschaftliche Berufe vor. Meistens ausgestattet mit einer großen Portion Ehrgeiz – wie diese drei jungen Frauen.

Schmutziggelb. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Aber genau das ist die Farbe von Katharina Glingeners Helm. Sonst alles blitzeblank: Arbeitsschuhe, Uniform, Ausrüstung. Aber der Helm ist nicht geputzt. Die Patina des letzten Feuers prangt darauf. Rußspuren erzählen die Geschichte von einer Mikrowelle, die eine Küche in Brand steckte. Von einer 22-Jährigen, die durch einen durchdringenden Gong geweckt wurde und sich innerhalb weniger Sekunden in einen perfekt gerüsteten Helden verwandelte: einen Meter achtzig groß, mit 50 Kilo Ausrüstung beladen, in Schutzanzug und Helm versteckt, nicht mehr als Frau zu erkennen.

Katharina ist im Angriffstrupp. Gemeinsam mit zwei erfahrenen Feuerwehrmännern dringt die Auszubildende als Erste in ein brennendes Haus ein, bricht Türen auf, rettet Menschen, löscht Flammen. Einen gesunden Respekt und eine Portion Adrenalin im Blut hat sie schon, wenn sie im Löschfahrzeug sitzt und das Atemschutzgerät anlegt. Aber die Knie zittern ihr nicht. "Ich habe eine Aufgabe", sagt sie. "Da geht die Angst ein bisschen unter. Ich nehme sie nicht wirklich wahr."

Retten, Löschen, Bergen, Schützen – das Motto der Feuerwehr faszinierte Katharina von Kindesbeinen an. Also bewarb sie sich nach ihrer Ausbildung als Rettungsassistentin für den mittleren feuerwehrtechnischen Dienst in Dortmund. Ein vierstufiger Test und eine ärztliche Untersuchung bescheinigten ihr die uneingeschränkte Feuerwehrdienst- und Atemschutztauglichkeit. Von rund 1000 – vorwiegend männlichen – Bewerbern in Dortmund schaffen das jährlich gerade mal die dringend benötigten 24. Katharina war darunter die einzige Frau. Jetzt tourt sie insgesamt 18 Monate lang durch vier der neun Feuer- und Rettungswachen der Stadt. Danach darf sie sich „Brandmeisterin“ nennen und nach "besonderer Bewährung" in die Laufbahn des gehobenen feuerwehrtechnischen Dienstes wechseln.

Außer Katharina gibt es noch neun weitere Frauen bei der Berufsfeuerwehr Dortmund – neben 730 Männern, die dort arbeiten. Auf der Wache in Eving ist die 22-Jährige momentan das einzige weibliche Wesen. Weibliche Beamte sind offiziell seit 1985 bei der Berufsfeuerwehr zugelassen, die aktuelle Statistik verzeichnet in Deutschland insgesamt etwa 650. Immer mehr Berufsfeuerwehren, wie zum Beispiel Dortmund und Köln, versuchen gezielt, Frauen für die Ausbildung zur Brandmeisterin zu gewinnen. Das liegt nicht nur am Nachwuchsmangel. Frauen im Rettungsteam haben auch besondere Vorzüge: Weibliche Opfer verlangen oft in intimen Situationen nach einer Frau als Helferin.

Suizidgefährdete sind durch die deeskalierende Wirkung von Frauen eher zur Umkehr zu bewegen. Susanne Klatt vom Netzwerk Feuerwehrfrauen: "Der Einsatz von Frauen kann auch sehr hilfreich sein, wenn es Vorbehalte oder Probleme mit männlichen Kollegen gibt, weil zum Beispiel religiöse Barrieren auftauchen. Oder wenn Erfahrungen mit männlichen Gewalttätern bestehen."

Auch mal weghören können
Diese positive Ausstrahlung von Frauen kann auch Katharina Hopfinger bestätigen. Die 25-Jährige ist eine von vier deutschen Gerüstbauer-Meisterinnen und findet: "Wenn eine Frau im Team ist, ist das Niveau auf dem Bau definitiv höher!" Zwar pfeifen ihre männlichen Kollegen und Lehrlinge vom 60 Meter hohen Kirchturmgerüst nach wie vor den Frauen auf der Straße hinterher. Doch das nachsichtige Grinsen ihrer Meisterin sorgt dafür, dass es bei dem einen Pfiff bleibt. "Man muss natürlich manchmal einfach weghören können", fügt die junge Frau aus dem schwäbischen Bräuningen hinzu. Und die ersten Blicke der Bauarbeiter und LKW-Fahrer auf einer neuen Baustelle tunlichst übersehen. Denn hinter den Köpfen der Männer taucht fast immer ein riesiges Fragezeichen auf, wenn Katharina anstelle ihres Vaters als Vertreterin der Gerüstbau-Firma erscheint. "Was macht die denn hier?", scheinen sie zu denken. Aber keiner spricht es aus. Dafür wirkt das Auftreten der Gerüstbauerin viel zu selbstbewusst. Sie kann es sich leisten: Im Wettbewerb gegen sämtliche männlichen Mit-Azubis gewann sie den Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks und wurde Bundessiegerin bei den Gerüstbauern. Ihr eigener Lehrling prahlt deshalb mit ihr.

Da liegt die Vermutung nahe, dass Frauen doppelt so gut sein müssen wie Männer, um in einem klassischen Männerberuf anerkannt zu werden. Katharina bestätigt das: "Im ersten Lehrjahr haben mich die meisten Azubis belächelt. Ich war eine Einzelgängerin. Aber als sie dann bemerkten, dass ich sowohl in der Theorie als auch in der Praxis besser bin als sie, kamen sie plötzlich auf mich zu."

Ein Gefühl von Freiheit
Ähnliche Erfahrungen machte auch Franziska Müller, eine von nur vier Containerbrückenfahrerinnen im Hamburger Hafen. Ihr Arbeitsplatz ist die Kanzel eines Ladekrans in 40 Metern Höhe. Im Winter schliddert der Kran schon mal gefährlich über die vereisten Schienen. Im Sommer wird die Kanzel zur Sauna. Manchmal stinkt es nach verbranntem Diesel. Doch die 26-Jährige hat nie bereut, ihren Job als Bürokauffrau im Hafen für die neue Ausbildung aufgegeben zu haben. Es lag ihr einfach im Blut. "Mein Großvater belud Schiffe, mein Vater und mein Bruder tun es ebenfalls", begründet sie ihre Entscheidung. Unter den 140 männlichen Kollegen herrscht manchmal durchaus ein "lockerer Schnack". Doch Franziska hat damit keine Probleme. "Als Frau bekommt man unwillkürlich mehr Aufmerksamkeit, Fehler fallen stärker auf. Das lässt aber nach. Wie alle anderen muss man anfangs eben beweisen, dass man seine Sache gut macht." Dafür hat Franziska täglich den besten Ausblick über den Hamburger Hafen: "Ein großartiges Gefühl von Freiheit!"

Männliche Kollegen bevorzugt
Immer mehr junge Frauen erlernen mittlerweile einen handwerklichen Beruf. Und immer mehr haben einen Meisterbrief. "Viele Frauen streben eine Spitzenqualifikation und damit eine Beschäftigung im Management oder als Selbstständige an", weiß Alexander Legowski, Leiter der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). "Innerhalb einer Dekade hat sich der Anteil von Frauen an den Meisterprüfungen verdoppelt und liegt jetzt stabil bei über 20 Prozent." Dabei handle es sich um ganz normale Frauen, die im Beruf Ziele verwirklichen wollen. Keine Mannsweiber also. "Natürlich haben die sogenannten Männerberufe einen eigenen Charme", räumt Legowski ein.

Manch eine Frau fühlt sich dabei ganz wohl in ihrer Sonderstellung. Zum Beispiel Katharina Glingener bei der Feuerwehr. "Mehr Frauen möchte ich gar nicht um mich haben. Vielleicht eine oder zwei, um nicht ganz alleine zu sein", sagt sie. "Aber generell komme ich mit den männlichen Kollegen besser klar." Wenn sie mit ihren Kollegen in der Kantine sitzt, stützt sie die Ellbogen genauso auf den Tisch wie die anderen. Den Pin-up-Kalender an der Wand quittiert sie mit Schulterzucken. Man könnte fast meinen, sie hätte ihn noch nicht gesehen. Im Sport will sie mithalten, allen zeigen, dass sie es genauso gut kann. "Ich bin vom Wesen her nicht der superweibliche Typ", meint Katharina. "Trotzdem habe ich natürlich eine weibliche Seite, und die sollte man auch nicht verleugnen."

Zum Tragen kommt diese weibliche Seite zum Beispiel, wenn Katharina ihre Uniform anlegt: Latzhose und Einsatzjacke aus feuerbeständigem Material, mit Reflexstreifen und Namenszug auf der Brust. Das äußere Zeichen dafür, dass sie eine Retterin, Löscherin, Schützerin und Bergerin ist. Sie mag ihre Uniform. "Das Einzige, was mich manchmal ein bisschen stört, ist der Herrenschnitt", grinst sie.

Nach 24 Stunden Schichtdienst hängt Katharina ihre Dienstkleidung an den Haken und wartet auf die Wachablösung. Den Helm lässt sie penibel ungeputzt. Am Ende verrät sie auch den Grund: Die Rußspuren auf dem ehemals leuchtendgelben Untergrund sind eine Art Trophäe. Alle Feuerwehrmänner widersetzen sich gern der Auflage, ihn nach jedem Einsatz zu säubern. Katharina ist eine Frau. Aber sie ist auch ein Teil der Feuerwache 2. Und sie weiß genau, wie man sich durch die interne Rangordnung auf der Wache boxt. Drum bleibt der Helm, wie er ist: schmutziggelb.