Zugehörig statt ausgegrenzt: Interview mit Rita Süssmuth

Von Stephanie Meyer-Steidl

Rita Süssmuth war von 1985 bis 1988 Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Anschließend bekleidete sie als Präsidentin des Deutschen Bundestages knapp zehn Jahre das zweithöchste Amt im Staat. Während ihrer Zeit als Ministerin gab es die ersten HIV-Infektionen und AIDS-Erkrankungen. "Frau und Mutter" sprach mit dem kfd-Mitglied Süssmuth über diese schwierige Situation.

Als Sie Mitte der 80er-Jahre mit den Themen HIV und AIDS konfrontiert wurden, steckte die medizinische Forschung dazu noch in den Kinderschuhen. Wie haben Sie die Situation damals erlebt?
Als Ministerin war es meine größte Herausforderung. Es ging um die Frage: Wie schützen wir die Menschen vor der Krankheit, vor der weiteren Ausbreitung, und wie gehen wir mit den Infizierten um. Es war ein Handeln mit einem ganz geringen Kenntnisstand. Aber es wurde auch sehr bald deutlich, dass es Schutzmaßnahmen gibt.

Politisch wurde über den Umgang mit dieser Krankheit sehr kontrovers diskutiert.
Die Auffassungen waren extrem gegensätzlich. Manche forderten strenge Tests und die Ausgliederung von Betroffenen. Dabei konzentrierte man sich vor allem auf Homosexuelle, Prostituierte und Drogenabhängige. Der schwedische Experte Michael Koch schlug sogar vor, die Infizierten auf einer Insel zu isolieren. Diese Auseinandersetzungen haben die Ängste der Menschen unglaublich geschürt. Wir hatten zunächst kaum Chancen, unseren Präventionsansatz durchzusetzen, monatelang standen wir mit dem Rücken zur Wand. Es war zum Verzweifeln. Aber letztlich konnten wir klarmachen, dass Prävention und Aufklärung die einzig gangbaren Wege sind – nicht zuletzt mit Kampagnen wie "Gib Aids keine Chance". Viele haben daran mitgewirkt: Forscher aus der Medizin, Theaterleute und Kulturschaffende wie ABBA oder die Bläck Fööss, die zahllose Menschen erreichten.

Und wie hat sich die katholische Kirche dazu verhalten?
Die offizielle katholische Kirche hat mir viele Vorwürfe gemacht. Das Entsetzen war groß, als ich für Kondome eintrat und damit Sexualität ohne Zeugungsabsichten "zuließ". Aber was wäre geschehen, wenn ich es nicht getan hätte? Es wäre eine Katastrophe geworden. Aber statt mir zu helfen, hat man mich massiv für meine Aufklärungskampagne kritisiert. Von der Basis der katholischen Kirche habe ich jedoch auch viel Unterstützung erfahren.

Wenn Sie 25 Jahre zurückschauen: Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit?
Ich habe etwas dazugelernt, in einem ganz existentiellen Sinne. Dass es nämlich darauf ankommt, Verantwortung wahrzunehmen, vor Entscheidungen nicht zurückzuweichen und die Probleme mit den Betroffenen gemeinsam zu erörtern. Etliche haben damals gesagt, dass Prävention nichts bringen würde, weil sich die Menschen nicht verantwortlich verhalten würden. Aber ganz im Gegenteil: Die Menschen haben in hohem Maße Verantwortungsbereitschaft gezeigt. Das haben die sinkenden Infektionszahlen bewiesen.

Aus der Krise ist also auch in gewissem Maße eine Chance erwachsen.
Ja, und ergänzend dazu möchte ich noch einen weiteren Aspekt nennen: Der öffentliche Umgang mit Sexualität hat sich damals – über die Krankheit hinaus – positiv verändert. Vor allem das Sprechen darüber ist offener, menschenwürdiger geworden.

Was würden Sie sich für den Umgang mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken in unserer heutigen Gesellschaft wünschen?
Ich möchte den Blickwinkel erweitern: Ob HIV-Infizierte, Frauen, Migranten – es geht immer um Zugehörigkeit statt um Ausgrenzung. Denn eine Gesellschaft ist nur in dem Maße stark, wie sie Ausgrenzung verhindert. Das gilt auch für die große Frage von Arm und Reich. Und gerade für uns Christen ist die Kernbotschaft nicht Ausgrenzung, sondern sie muss lauten: Kümmere dich, versteh dich als Bruder oder Schwester, und setz dich ein. Wo immer das gelingt, verändern sich Menschen. Das setzt aber Anstrengungen bei jedem Einzelnen voraus, jeder muss sich da einbringen. Wir schauen immer noch zu sehr auf die gewählten Entscheider in Regierung und Parlament. Mindestens genauso wichtig für unsere Gesellschaft sind die Bürgerinnen und Bürger mit ihren vielen guten Ideen – dieses Engagement begeistert mich immer wieder.