Reden und Weinen: Verwaiste Kinder brauchen Unterstützung

Von Nikola Hollmann

Acht Monate nach dem Tod ihres Vaters war es am schlimmsten: Der erste Schock war überwunden, der Alltag hatte für die damals 16-jährige Andrea wieder begonnen. Und alle taten so, als wäre nichts gewesen. "Ich konnte von mir aus auch nicht darüber sprechen. Zu stark empfand ich die Forderung der Umwelt an mich: Sei wieder normal!", erinnert sich die heute 44-Jährige. Und auch diese Botschaft kam unmissverständlich bei ihr an: "Wir wollen nicht darüber reden." Dabei kann das Umfeld so viel dazu beitragen, dass der Verlust eines Elternteiles für Kinder und Jugendliche zwar unendlich traurig, aber nicht traumatisch wird.

Das ist etwas, was viele Betroffene erzählen: Wenn es nach dem Tod eines Angehörigen die Bereitschaft zur Unterstützung gibt, dann am Anfang. "Es gibt eine magische Grenze. Und die liegt bei sechs Monaten", sagt die Düsseldorfer Psychotherapeutin Birte Hagenhoff. Danach verlangt das Umfeld – oft auch offen ausgesprochen – nach Normalität. "Betroffene brauchen aber langfristig Unterstützung", mahnt Hagenhoff. Und das gilt besonders für Kinder und Jugendliche.

Stirbt ein Elternteil, bricht alles zusammen. "Das Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit ist total erschüttert. Umso wichtiger ist es, dass im Alltag Gewohntes, Vertrautes beibehalten wird", sagt Hagenhoffs Kollegin Judith Hollenstein-Zikas. Kinder haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheiten, nach einem festen Gerüst. Wenn Vater oder Mutter gestorben ist, ist es deswegen wichtig, dass der gewohnte Rhythmus beibehalten wird: Frühstück, Mittagessen, Hausaufgaben-Machen, Erledigungen im Haushalt.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Raum für Gefühle das Kind bekommt – auch für seine Aggressionen –, desto besser kann es den Trauerprozess durchlaufen. Doch was ist, wenn der hinterbliebene Elternteil selbst völlig überfordert ist? "Meine Mutter war mit ihrer eigenen Trauer so beschäftigt, dass ich Angst um sie hatte. Ich habe sie getröstet, und mir habe ich verboten, vor ihren Augen zu weinen", erzählt Andrea. Wenn es gar nicht anders ging, hat sie sich im Bad eingeschlossen."„Ich habe den Kopf ans Waschbecken gelegt, die Kühle hat mir geholfen, den Tränenfluss zu stoppen. Um nachher nicht verheult auszusehen." Bis auf eine Lehrerin hat kein einziger Erwachsener seine Hilfe angeboten. Damals dachte sie, es komme halt auf sie an, darauf, dass sie stark sei, für ihre Mutter und die kleine Schwester. Kein Onkel, keine Tante, keine Freundin ihrer Mutter hat sie je gefragt, wie es ihr geht, niemand hat sie getröstet.

Dabei gibt es sehr viel, was die Menschen im Umfeld einer trauernden Familie tun können, wissen die Psychotrauma-Therapeutinnen Hagenhoff und Hollenstein-Zikas. Freunde und Verwandte, Nachbarn oder Gemeindemitglieder können ganz praktische Angebote machen: das Essen kochen, bei den Hausaufgaben helfen, mit den Kindern zum Sport gehen und spielen. Dabei sollte man nicht nur einmal fragen, sondern immer wieder nachhaken, "denn Hilfe anzunehmen ist in Überforderungssituationen schwierig". Außerdem sei es wichtig, sich zunächst selbst ehrlich zu prüfen, wie viel Zeit zu investieren man wirklich in der Lage ist: "Wenn Angebote gemacht werden, die dann schon nach kürzester Zeit wieder abgebrochen werden, erfahren die Kinder erneut einen Verlust." Verlässlichkeit ist in dieser Phase also extrem wichtig. Die Verwandten oder Freunde können es auch übernehmen, kleineren Kindern zu erklären, was etwa bei der Beerdigung oder beim Sechs-Wochen-Amt geschieht, und auch, warum das übriggebliebene Elternteil dazu im Moment nicht selbst in der Lage ist.

Nach Meinung der beiden Fachfrauen ist es das Beste, das Kind entscheiden zu lassen, ob es bei der Beerdigung dabei sein möchte. Und wenn es sich dafür entscheidet, sollte es jemand auf das Geschehen vorbereiten, auf den Sarg oder die Urne, auf das Weinen und Klagen. Es hilft dem Kind zu wissen, dass es die Trauerfeier auch jederzeit verlassen darf, wenn es nicht mehr bleiben möchte, und dass es dann jemand dabei begleiten wird, der ihm vertraut ist.

Wenn man ihm außerdem anbietet, dass es ein Lied für den Gottesdienst oder die Farbe des Blumenschmucks aussuchen darf, dann bekommt es nach all dem unkontrollierbaren Geschehen ein Stück Kontrolle zurück. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass für ein Kind mit dem Tod alles auseinanderfällt, es fühlt sich ausgeliefert und aus allem bisher Bekannten herausgerissen."Kinder, die nach dieser Todeserfahrung das Gefühl hatten, etwas unter Kontrolle zu haben, konnten den Prozess anschließend leichter bewältigen."

"Trauer", betont Hollenstein, "ist an sich kein Krankheitszustand, sondern eine gesunde Anpassung an die veränderte Umwelt." Deswegen helfe es dem Kind, über den Verstorbenen, über Gefühle wie Angst und Wut zu reden, vielleicht Briefe an den Verstorbenen zu schreiben, regelmäßig Fotos anzuschauen. So können Bezugspersonen immer wieder den Anstoß geben, den Verlust in das Leben zu integrieren. Daran entscheide sich letztlich, ob dieser Tod ein belastendes Lebensereignis sei oder zu einem Trauma werde. Die Verbindung zu erhalten, den Toten im Leben zu halten, ist für die Verarbeitung unverzichtbar. Dabei helfen auch Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, die es mittlerweile in vielen Städten gibt.

Gerade für Jugendliche, die ihren Vater oder ihre Mutter ausgerechnet in der Pubertät verloren haben, ist es wichtig, dass sie mit anderen in Kontakt kommen, die das gleiche erleben. Sie haben nämlich sonst das Problem, in ihrem Freundeskreis auf wenig Verständnis zu stoßen. Denn alles, was mit Eltern zu tun hat, stört in dieser Lebensphase ohnehin nur. 

Im Verlaufe des Trauerprozesses nehmen die Symptome, nimmt auch die Intensität des Schmerzes langsam ab. Wie lange das dauert, ist sehr unterschiedlich. Trotzdem: Wenn ein Kind auch nach längerer Zeit überfallartig von Trauer überwältigt wird, wenn es keinerlei Veränderungen erträgt und darunter leidet, wenn der Tote erwähnt wird, wenn es gar Schuldgefühle entwickelt – dann sind das Warnsignale, die ernst genommen werden sollten. Dann könnte es auch sinnvoll sein, psychologische Unterstützung zu suchen.
In den Monaten nach dem Todesfall ist es schwer zu unterscheiden, was Zeichen normaler Trauer oder eines traumatischen Erlebens sind. Doch langfristig hat nicht verarbeitete Trauer ernsthafte Folgen. "Sich nicht auseinanderzusetzen beeinflusst die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen, Beziehungen zu leben, es fördert Ängste", warnt Hagenhoff. "Menschen, deren Trauer keinen Raum bekommen darf, beginnen, sich abzuschotten, sich nicht auf Beziehungen einzulassen, um sich nicht verletzbar zu machen." Neue belastende Ereignisse wie eine Trennung oder auch ein Arbeitsplatzverlust können dann Depressionen oder psychosomatische Beschwerden auslösen.

Haben Betroffene später selbst Kinder, entwickeln sie ihnen gegenüber oft ein übertriebenes Kontrollbedürfnis und eine starke Aufmerksamkeit im Hinblick auf ihre körperliche Gesundheit. Gleichzeitig sind sie nicht dazu fähig, mit ihren eigenen Kindern über den Tod und das Sterben zu sprechen. So wirkt sich ein Trauma bis in die nächste Generation aus.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Tod ihres Vaters geriet Andrea in eine depressive Phase und begann eine Therapie. Heute sei sie mit allem versöhnt, sagt sie. Nur mit einem nicht: dass sich kein Erwachsener um sie und ihre Schwester gekümmert hat. "Wir hätten doch gar nicht viel gebraucht: jemanden zum Reden und jemanden zum Weinen."