Mitgefühl als Weg zur Versöhnung: kfd-Gruppe trifft Überlebende aus Konzentrationslagern und Ghettos

Von Carmen Molitor

Seit 15 Jahren empfangen kfd-Frauen aus Alstädten/Burbach polnische und weißrussische Überlebende des Nationalsozialismus. Über Sprachgrenzen und Berührungsängste hinweg: Es sind heilsame Begegnungen – für beide Seiten.

"Sind sie schon da?" Es ist kurz vor drei, und bald sollten die Gäste aus Weißrussland eintreffen. Bis vor ein paar Minuten herrschte im Jugendheim der Pfarrgemeinde St. Maria am Brunnen in Hürth-Alstädten/Burbach noch rege Geschäftigkeit, organisatorische Fragen schwirrten durch den Raum. Jetzt ist alles fertig, der Kuchen steht bereit, der Kaffee ist gekocht. Die Gäste können kommen. Wer wird es diesmal sein? Welche Geschichten haben sie zu erzählen?

Die Hürther kfd-Pfarrgemeinschaft macht vieles von dem, was andere Gruppen auch tun: Regelmäßig treffen sich die Frauen zu Gottesdiensten und Frühstück, einige sind in einer Bastelgruppe aktiv, andere walken zusammen, gemeinsam engagieren sie sich in der Pfarrei. Doch seit 15 Jahren gibt es einen besonderen Termin im Kalender, erzählt Renate Printz, die mit Johanna Dümbgen, Ingrid Meyer-Strater und Luzie Janz das kfd-Vorstandsteam bildet: Seit 1997 laden sie einmal im Jahr Menschen ein, die während der Nazizeit in Konzentrationslagern inhaftiert waren oder in Ghettos leben mussten.

Der Anstoß dazu kam vom Maximilian-Kolbe-Werk, zu dessen Gründungsmitgliedern der kfd-Bundesverband zählt. Seit 1978 führt das Werk Erholungs- und Begegnungsaufenthalte für KZ- und Ghettoüberlebende in Deutschland durch. "Die Verbindung entstand aus unserer früheren Kleidersammlung", berichtet Renate Printz. Die Frauen suchten damals eine Organisation, der sie die gesammelten Kleider spenden konnten. Dabei stießen sie auf Gisela Multhaupt aus Köln, die – ebenfalls kfd-Mitglied – ehrenamtlich die Begegnungsreisen des Maximilian-Kolbe-Werkes organisiert und begleitet.

Seitdem ist die Hürther kfd regelmäßig Gastgeberin – zunächst für Gäste aus Polen, später auch aus Weißrussland. Das Treffen mit den KZ- und Ghettoüberlebenden ist Tradition geworden. Es waren stille, bewegende, lebhafte und herzliche Begegnungen darunter. "Wir wollen zwischenmenschliche Brücken bauen", erklärt Printz.

Im Jugendheim der Pfarrgemeinde liegt mittlerweile gespannte Erwartung in der Luft – der Bus mit den Gästen ist da. In diesem Jahr sind es acht Frauen und zwei Männer zwischen 73 und 84 Jahren. Als Kinder mussten sie den Schrecken des Naziterrors in den Konzentrationslagern Majdanek, Dachau, Buchenwald, Osaritschi oder in den Ghettos von Minsk, Pinsk und Usda erleben. Heute wohnen die meisten von ihnen in Minsk. Drei sind jüdischen Glaubens, sieben sind Christen. Lächelnd betreten sie den Raum und werden von den kfd-Frauen herzlich begrüßt. Zuvor waren sie acht Tage in Köln, Oberbürgermeister Jürgen Roters hat sie empfangen, die Gruppe nahm an zahlreichen Führungen und Treffen teil. Ein bisschen müde von den Eindrücken wirken die Frauen und Männer. Kaffee, Kuchen und die Offenheit ihrer Gastgeberinnen scheinen ihnen jetzt gut zu tun.

Die kfd-Frauen hören dann – unterstützt von Übersetzerinnen – Geschichten wie die von Aleksandra Judo. Die 81-jährige kleine Frau im Rollkragenpullover hat wache, braune Augen und eine weiche Stimme. Etwas nach vorn gebeugt sitzt sie an der Kaffeetafel. Denn seit sie 1944 als 13-Jährige erlebte, was Historiker als eines "der schwersten Verbrechen der Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt" bezeichnen, hört sie nicht mehr gut. Damals hatte die deutsche Armee während ihres Rückzugs Tausende "arbeitsunfähige Zivilisten" – Frauen, Kinder, Thyphuskranke, Alte – bei Osaritschi im Süden Weißrusslands in ein mit Stacheldraht umzäuntes Gelände ohne Gebäude und sanitäre Anlagen zusammengepfercht. Rund 40.000 Menschen waren dort schutzlos der Kälte und dem Hunger ausgeliefert. Aleksandra Judo, ihre Mutter und ihre Schwester waren drei von ihnen.

"Die Soldaten haben uns aus unserem Dorf im Gomelgebiet getrieben, und wir dachten schon, dass wir vergast werden", erzählt sie. Man verfrachtete Aleksandra und ihre Nachbarn in Güterwaggons, später zwang man sie zu einem tagelangen Marsch in die Sümpfe. "In der Nacht wurden wir mit einem Draht umzäunt und mussten auf freiem Feld schlafen", sagt Aleksandra Judo leise. Es gab weder zu essen noch zu trinken, Soldaten schossen wahllos auf die Menschen. "Unsere Mutter hat uns mit einem Stück Stoff bedeckt und ein bisschen Schnee darauf getan", erinnert sich die Weißrussin. So fielen sie selbst den Schützen nicht auf, "aber eine Frau, die neben uns saß, wurde einfach ermordet".

Nach Tagen voller Verzweiflung kamen die Vertriebenen bei Osaritschi nahe der Front an. "Wir hatten keine Kräfte mehr und lagen fast tot im Sumpf." Die Soldaten zogen wieder Zäune um sie, verminten die Areale, rückten ab und überließen die hungernden Menschen bei eisigen Temperaturen ihrem Schicksal. Die Wehrmacht setzte darauf, dass sich die Rote Armee durch die Befreiung der eingeschlossenen Menschen etwas aufhalten ließ und dass sich russische Soldaten bei den vielen Thyphuskranken anstecken würden. 9000 Frauen, Kinder und Alte starben, bis die Rote Armee die Gefangenen befreit hatte. Aleksandra Judo überlebte, aber sie war zu schwach, um die lange Reise nach Hause anzutreten. Der Hunger war kaum auszuhalten. Im Gewirr hatte sie Mutter und Schwester verloren und war tagelang durch fremde Dörfer geirrt. "Ich war klein, ich war allein und ich war krank. Ich habe an die Türen geklopft und nach Essen gefragt." Durch den Hinweis eines anderen Vertriebenen fanden ihre Schwester und ihre Mutter sie wieder. Aber erst Monate später konnten Aleksandra und ihre Verwandten in ihr Dorf zurückkehren.

Jetzt besucht die 81-jährige Witwe aus Minsk, Mutter zweier Kinder und Oma eines Enkels, das erste Mal das Land der Täter. "Wir haben viele gute, herzliche Leute getroffen. Die von früher habe ich nicht gesehen." Es tue ihr gut, hier über ihr Schicksal zu berichten: "Früher konnte ich nicht ein Wort darüber sagen, ohne zu weinen", erzählt sie. "Jetzt kann ich darüber sprechen." Anders als in Polen, wo die KZ- und Ghettoüberlebenden schon bald nach dem Krieg Vereinigungen gründeten, in denen sie sich austauschen konnten, mussten sie sich in Weißrussland lange verstecken. Geschichten von Opfern wollte niemand hören. Erst 1996 bildeten sich erste Gruppen von ehemaligen Häftlingen in Minsk und Witebsk.

Nachfahren der Tätergeneration sind oft befangen, nach den Schicksalen der Opfer zu fragen. Auch den kfd-Frauen in Alstädten/Burbach geht das so. Sie bedienen ihre Gäste mit viel Umsicht und Freundlichkeit. Aber es ist trotz der Hilfe der Übersetzerinnen nicht einfach, über mehr als ein paar freundliche Floskeln hinaus miteinander ins Gespräch zu kommen. Gegen die Scheu helfen die Aufmunterung und die kleinen Gesten der erfahrenen und sehr direkten Gisela Multhaupt. "Frau Printz, nicht so schüchtern", ermutigt sie die Vorstandsfrau, als diese erkennbar Lampenfieber vor ihrer Begrüßungsrede hat. Es komme nicht auf große Worte an, beruhigt Gisela Multhaupt. Interesse zeigen, zuhören und Mitgefühl ausstrahlen seien die besten Wege zur Versöhnung. Eine jüdische Universitätsprofessorin aus Minsk habe sich bei ihr einmal für die Herzlichkeit bedankt, die ihr auf der Begegnungsreise entgegengebracht worden sei. "Sie sagte ein halbes Jahr später, sie sei jetzt aufgetaut und könne wieder ohne Angst leben. Die Reise war heilsam", erzählt die Kölnerin.

Später räumen die kfd-Frauen den Kaffeetisch ab, ihre Gäste besichtigen derweil die nahe Kirche. Als sie zurückkommen, ist das Buffet für das Abendessen gerichtet.