Frauen im Knast: Gefängnisse sind auf weibliche Gefangene nicht ausreichend eingestellt

Von Sabine Schleiden-Hecking

Die Justizvollzugsanstalt in Köln-Ossendorf. Besuch in einem der Frauenhäuser. Roter Backstein und grauer Beton, schwere, große Türen, Gitter außen. Innen sitzen Vollzugsbedienstete in Uniformen hinter Glasscheiben. Die langen Flure sind hell gestrichen. Selbstgemaltes aus der Kunsttherapie hängt ordentlich nebeneinander gereiht an den Wänden. Der Weg führt durch viele Türen: Jede einzelne wird erst abgeschlossen, bevor die nächste aufgeschlossen wird.

Beginnt Gefangenschaft dann, wenn in Ossendorf die Tür zufällt? Viele der dort inhaftierten Frauen sind schon gefangen – lange bevor sie hier landen. Gefangen in ihren Lebensumständen, in sich selbst und dem Unvermögen, das eigene Leben zu bewältigen. Mehr als 80 Prozent aller Frauen, die in deutschen Gefängnissen sitzen, hatten eine Kindheit und Jugend, die niemand haben will. Sexueller Missbrauch, dauernd Schläge, eine Mutter oder ein Vater, die tranken, statt sich um die kleine Tochter zu kümmern.

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden führt mit vielen Tabellen Buch über Deutschlands Gefängnisse. Im März 2012 saßen dort insgesamt 78.161 Menschen, 4427 davon Frauen. Das sind nur etwas mehr als fünf Prozent. In den Tabellen steht nicht, dass es gerade dieser geringe Prozentsatz ist, der die Lage für Frauen in Gefängnissen schlimmer macht, als es gerecht ist. Weibliche Inhaftierte sind meist nicht gefährlich. Nur ein Prozent aller Gewalttaten wird von Frauen verübt. Aber sie sitzen schwer bewacht in Gefängnissen, die für Schwerverbrecher gemacht sind. Man kann auch sagen, sie sind "übersichert". Denn es gibt zu wenig Haftplätze im offenen Vollzug oder in Mutter-Kind-Häusern, zu wenig geeignete Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten. Dafür gibt es zu viele Gefangene, die depressiv werden und die den Kontakt zu ihren Familien verlieren.

Gäbe es andere Haftbedingungen, wäre die Aussicht auf Resozialisierung viel besser und weniger Frauen würden rückfällig, meinen jedenfalls die, die täglich mit den Frauen zu tun haben. Denn viele Inhaftierte sind schon mehrfach vorbestraft. Sie werden verurteilt wegen Betrug und Diebstahl oder Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, also wegen Drogenkriminalität. Dafür gibt es meist weniger als ein Jahr, und häufig bringt erst das dritte oder vierte Gerichtsverfahren die Frauen hinter Gitter, wenn etwa die zunächst verhängten Geldstrafen nie gezahlt werden. Weil Frauen, die von Hartz IV leben, kein Geld übrig haben. Man nennt das Ersatzfreiheitsstrafen.

Und die Tabellen des Statistischen Bundesamtes erzählen natürlich auch nichts von einzelnen Schicksalen. Nichts von dem herzzerreißenden Weinen jener jungen Mutter. Zwei Tage nach der Geburt musste sie von ihrem kleinen Sohn Abschied nehmen und zurück in ihre Zelle in Köln-Ossendorf. Es ist die Sozialarbeiterin Jutta Arens vom Sozialdienst katholischer Frauen in Köln, die diese traurige Geschichte erzählt, weil sie erklären will, was es für Frauen bedeuten kann, im Knast zu sitzen. Zu ihren Aufgaben gehört es, dabei zu helfen, einen solch großen Schmerz auszuhalten und mit der jungen Frau Perspektiven für das Leben danach zu entwickeln. Und zu verstehen, dass das Leben in Haft auch eine Wende bringen kann. "Ich möchte, dass die Frauen sagen können, die Zeit war nicht verloren. Ich habe hier etwas gelernt und etwas verstanden", sagt Jutta Arens.

Etwas gelernt und verstanden im Knast haben vielleicht auch Susanne und Maggy (alle Namen der Inhaftierten und ihrer Kinder geändert). Die beiden haben mehr Möglichkeiten als viele andere. Weil sie es so wollen und weil es für sie in diesem Gefängnis die passende Unterstützung gibt. Maggy trägt eine schicke schwarze Hornbrille, und in der Fönfrisur blitzt vorne eine rote Strähne auf. Sie ist Friseurin und schneidet und färbt den anderen Gefangenen die Haare. Aber sie will "komplett neu anfangen", noch mal zur Schule gehen. "Mit meiner Familie war es nicht so Gold", sagt die 30-Jährige. Ihre eigene Kindheit war schlimm. Und mit ihren beiden Söhnen, dem neunjährigen Marvin und dem vierjährigen Luca, hat sie es auch schwer. Luca lebt seit zwei Jahren in einer Pflegefamilie. Seitdem hat sie ihn nicht mehr gesehen. "Gefängnis ist nichts für ein kleines Kind", sagt Maggy. Die Pflegeeltern wollen Luca adoptieren. "Das muss ich jetzt entscheiden, ob ich das will." Die Stimme wird ein bisschen lauter, als sie das sagt.

Der Große, Marvin, ist schwer geistig und körperlich behindert. Sie hat ihn lange alleine betreut. Nun lebt er in einem Pflegeheim. Marvin ist so krank, dass er nicht mehr lange leben wird. "Ich habe mich von ihm verabschiedet. Und warte darauf, dass die Zellentür aufgeht und ich zur Beerdigung gehen darf." Tränen laufen über ihre Wangen.

Susanne ist blond und ganz schmal. Wenn die 40-Jährige von ihren beiden Töchtern spricht, dann leuchten ihre dunklen Augen. Sie erzählt zum Beispiel davon, dass sie im Knast in Diddl-Bettwäsche schläft. Die hat ihr die siebenjährige Tochter geschenkt. "Anna wollte unbedingt, dass ich sie habe", sagt sie. "Ich habe oft Angst, sie zu verlieren. Sie war ja erst fünf, als wir uns trennen mussten." Von der 15-jährigen Katrin hat sie die Badelatschen. "Um sie brauche ich mir keine Sorgen zu machen: Sie erzählt mir alles.“"

Susanne schreibt jede Woche einen Brief an jede ihrer Töchter. Darin steht immer und auf jeden Fall: "Ich hab dich lieb." Seit sie weit weg von ihrem alten Wohnort in Köln ist, sieht sie die beiden nur in den Ferien. "Dass ich die Kinder dieser Situation aussetze, deswegen mache ich mir große Vorwürfe." Aber Susanne hat ein großes Ziel. Die gelernte Erzieherin will ihr Fachabitur nachholen, um eine Lehre als Malerin/Lackiererin zu beginnen. Dafür büffelt sie jetzt am Kölner Abendgymnasium.

Ihre Geschichte würde Nadja Lüders gefallen. Sie ist SPD-Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen (NRW) und Mitglied des Rechtsausschusses. Und das, was Susanne macht, sollen in Zukunft möglichst viele können. Darum geht es ihr bei der Reform des Strafvollzuges, der in NRW in Vorbereitung und in anderen Bundesländern bereits verwirklicht ist. Es soll besonders Wert gelegt werden auf "Resozialisierung und Haftvermeidung", wie die Rechtsanwältin sagt. "Gerade bei den Frauen sind das die Themen schlechthin, weil viele Frauen eben nicht wegen schwerer Delikte in Haft kommen. Muss eine Schwangere die Strafe wirklich antreten oder kann man nicht doch andere Möglichkeiten finden?"

"Schön, dass sich jemand mal dafür interessiert", hatte man in Ossendorf gesagt. Die Gefängnisverwaltung bekomme viele Interviewanfragen, man werde überhäuft davon. "Aber für die Frauen interessiert sich niemand." Dabei wäre das so wichtig. Zu wissen, was Susanne im Rausgehen und nach dem Händedruck zum Abschied sagt: "Man kann sich hier neu entdecken. Ich hab ja gar nicht gewusst, was ich alles kann."