Dürfen? Können? Sollen? Zur Kontroverse um die Präimplantationsdiagnostik

Dritter Teil der Serie "Richtig oder machbar? Medizin-ethische Fragestellungen" von Katharina Klöcker


"Guter Hoffnung sein": eine eher selten gewordene Formulierung. Wie kaum eine andere Lebensphase ist die Schwangerschaft auch eine Zeit, in der Eltern mit der Zerbrechlichkeit guter Hoffnung konfrontiert werden. Zumindest ist die Angst ein ständiger Begleiter.

Der Sorge, dass mit dem Kind im Bauch "etwas nicht in Ordnung" sein könnte, kann sich heutzutage kaum ein Paar entziehen. Die moderne Medizin reagiert darauf: Sie bietet – je riskanter die Schwangerschaft eingeschätzt wird umso mehr – vorgeburtliche Diagnosemethoden an: Ultraschall, Screenings des Embryos, Nackentransparenztest, Nabelschnurpunktion, Fruchtwasseruntersuchungen. Der Fötus ist zum Objekt umfassender Kontrolle, der sogenannten
Pränataldiagnostik (pränatal: vorgeburtlich), geworden.

Doch die Kontrolle werdenden Lebens müsste sich nicht mehr nur auf den Embryo im Bauch der Schwangeren beschränken. Seit mehr als 20 Jahren ist es – zumindest technisch und in einigen Ländern auch rechtlich – möglich, bei einer künstlichen Befruchtung den Embryo bereits vor seiner Einpflanzung in die Gebärmutter zu untersuchen. Mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik – kurz PID – kann durch die Entnahme einer Zelle bei einem wenige Tage alten künstlich befruchteten Embryo getestet werden, ob ein bestimmter genetischer Defekt vorliegt. Nur der Embryo, der den untersuchten Defekt nicht aufweist, wird in die Gebärmutter eingesetzt, die anderen werden verworfen.

Klingt das nicht nach einem Segen für Paare, für die die Schwangerschaft nicht nur eine Zeit zerbrechlicher, sondern oftmals schmerzvoll zerbrechender Hoffnung ist? Für Paare, die wissen, dass sie die Veranlagung für eine schwere Erbkrankheit in sich tragen, und die befürchten müssen, entweder diese Veranlagung zu vererben oder ihr Kind tot zur Welt zu bringen?

Ob es sich bei der PID tatsächlich um eine segensreiche Methode handelt, das wird in Deutschland zur Zeit kontrovers diskutiert. Nachdem der Bundesgerichtshof im Juli 2010 geurteilt hat, dass sich ein Arzt nicht strafbar macht, der Paaren mit Erbkrankheiten Gentests am Embryo anbietet, ist die Rechtslage nicht mehr klar. Bis dahin war man in Deutschland davon ausgegangen, dass die PID durch das Embryonenschutzgesetz verboten sei. Doch nun ist der Gesetzgeber gefordert: Noch bis zum Sommer will der Bundestag ein Gesetz erarbeiten, das Klarheit schaffen soll. Klarheit in einer äußerst schwierigen ethischen Frage, die mittlerweile in der Gesellschaft eine breite Diskussion ausgelöst hat.

Einig sind sich Befürworter und Gegner der PID darin, dass die Methode verboten bleiben soll. Die sie entzweiende Frage lautet jedoch: Darf es Ausnahmen geben? Und wenn ja, welche?

Die katholische Kirche lehnt die PID ohne Wenn und Aber ab. Ihr zufolge verletzt die Präimplantationsdiagnostik den Grundsatz der Unantastbarkeit und Unverfügbarkeit menschlichen Lebens. Der Embryo sei von der Befruchtung an unbedingt zu schützen. Der Mensch dürfe nicht darüber entscheiden, wer geboren werde und wer nicht. Genauso eindeutig äußert sich die kfd (siehe weiter unten).

Doch genau das ermögliche die PID, sagen ihre Kritiker. Sie habe letztlich die Selektion, die Auswahl von Embryonen zum Ziel, die Unterscheidung von lebenswertem und lebensunwertem Leben. Politiker, die ein ausnahmsloses PID-Verbot vertreten, wie etwa Kanzlerin Angela Merkel (CDU) oder die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, erklären deshalb, dass es eine solche Qualitätskontrolle über menschliches Leben in Deutschland nicht geben dürfe. Abgesehen vom Argument des Lebensschutzes befürchten Vertreter dieser Position aber vor allem, dass auch die strengsten Ausnahmen schleichend zur Regel werden könnten: Auch wenn eine PID zunächst nur wenige Paare beträfe, bestünde "die Gefahr eines Dammbruchs, wenn sich der Mensch zum Herrn über andere Menschen macht und bestimmt, welches Leben sich entwickeln darf und welches nicht", betont etwa der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch.

Darüber hinaus befürchten PID-Gegner, dass der Druck auf Paare wachse. Wäre nicht zu befürchten, dass Paare mit einem behinderten Kind in Zukunft noch häufiger gefragt werden, ob "es" sich nicht hätte "verhindern" lassen? Würden Behinderte nicht noch stärker diskriminiert? Fragen, die auch zu Überlegungen über die Folgen der PID für das Eltern-Kind-Verhältnis führen. Denn Eltern würden sich nicht mehr nur für ein Kind, sondern für ein ganz bestimmtes Kind entscheiden. Sollen Eltern das dürfen können?

Auch der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält nach einer kontroversen Debatte an der Ablehnung der PID fest. Allerdings zeigt der im Februar veröffentlichte Text, dass es innerhalb der EKD auch abweichende Ansichten gibt: Einige Ratsmitglieder halten die Methode für ethisch vertretbar, wenn das Kind "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" noch während der Schwangerschaft stirbt. Auch der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider hatte sich immer wieder skeptisch gegenüber einem ausnahmslosen Verbot gezeigt. Es sei kurzsichtig, "wenn mit absoluter Gewissheit postuliert wird: Geburtenverhütung, pränatale Diagnostik, künstliche Befruchtung und die Präimplantationsdiagnostik pfuschen Gott ins Handwerk". Schneider sieht in der ethischen Debatte "die Mütter zu wenig" berücksichtigt.

So rücken die PID-Befürworter verstärkt die betroffenen Frauen und Paare in den Blick. Sie verweisen darauf, dass für erblich vorbelastete Paare ohne PID nur eine "Schwangerschaft auf Probe" übrig bleibe. Lasse sich während der Schwangerschaft ein schwerer Gen-Defekt des Fötus nachweisen, sei ein Abbruch in bestimmten Fällen sogar bis kurz vor der Geburt straffrei möglich, argumentieren sie. Diese extreme seelische und körperliche Belastung von Frauen durch einen Schwangerschaftsabbruch, der viele von ihnen ein Leben lang traumatisiert, könne verhindert werden.

Im Bundestag wird über die PID ohne Fraktionszwang entschieden, wie dies bei heiklen ethischen Fragen Tradition ist. Wie unterschiedlich Politiker derselben Partei die Methode beurteilen, lässt sich zum Beispiel an zwei Unionspolitikern zeigen. So ist die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner überzeugt: "Wenn Leben ein Geschenk Gottes ist, dann ist dieses Geschenk nicht unter Bedingungen gegeben. Dann dürfen wir dieses Geschenk nicht neu packen."

Dagegen stellt die PID für den CDU-Politiker und ehemaligen Pfarrer Peter Hintze gerade einen Akt christlicher Nächstenliebe dar. Christen hätten die Pflicht, die ihnen gegebene Fähigkeit zu nutzen, mit Hilfe der Medizin anderen Menschen zu dienen und ihre Not zu lindern. Der Gesetzgeber müsse sich "in der Auseinandersetzung zwischen einer schützenswerten Eizelle in der Petrischale und einer notbedrohten Frau auf die Seite der Frau stellen", so Hintze.

Diejenigen, die Ausnahmen vom PID-Verbot befürworten, gruppieren sich in der politischen Auseinandersetzung um zwei unterschiedliche Gesetzentwürfe: Eine Gruppe will die Methode zulassen, wenn eine "hohe Wahrscheinlichkeit" für eine "schwerwiegende Erbkrankheit" besteht oder eine Tot- oder Fehlgeburt zu erwarten ist. Über jeden Fall solle eine Ethikkommission entscheiden. Doch welche Krankheit ist einem Kind zumutbar? Wer darf darüber entscheiden, mit welcher Krankheit Kinder ihren Eltern noch – oder nicht mehr – zugemutet werden können? Und wie groß wäre die Diskriminierung jener Menschen, die mit einer solchen Krankheit leben? So lauten einige der Fragen, die sich aus diesem Vorschlag ergeben. Fragen mit hoher ethischer Sprengkraft. Befürchtet werden müsse auch, so die Kritiker, dass die Liste unzumutbarer Krankheiten ständig anwachsen könnte oder dass Krankheiten aufgenommen würden, die erst später im Leben auftreten können. So werden in anderen Ländern, in denen PID erlaubt ist, bereits Embryonen aussortiert, bei denen ein bestimmtes Brustkrebs-Gen nachweisbar ist.

Für eine sehr eng begrenzte Zulassung spricht sich eine weitere Gruppe von Abgeordneten aus. Gentests am Embryo sollen nur erlaubt sein, wenn das Kind höchstwahrscheinlich noch während der Schwangerschaft oder im ersten Lebensjahr sterben werde. Die Verfechter dieses Vorschlags wollen verhindern, dass nach Anzeichen für Krankheiten gesucht wird, die erst später oder nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auftreten.

Dass PID zu den komplexesten Themen der derzeitigen ethischen Diskussion gehört, zeigt sich auch daran, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen auch Ethiker nach Analyse und Abwägung der verfügbaren Argumente kommen. Wie man sich positioniert hängt nicht allein von den Argumenten, sondern auch von der Blickrichtung ab: Wer das subjektive Leid, die Ängste und Sehnsüchte betroffener Paare in den Mittelpunkt rückt, wird sich zu einem Befürworter von Ausnahmen vom PID-Verbot zählen.

Wer dagegen mögliche Folgen für die Gesellschaft bedenkt, wer über Missbrauch und Risiken nachdenkt, wird sich gegen eine gesetzliche Erlaubnis aussprechen. Diese ablehnende Haltung hat allerdings eher ein Vermittlungsproblem als der Befürworter: Denn während jene zu Herzen gehende Geschichten von Paaren erzählen können, die sich ein gesundes Kind wünschen, bleiben die Einwände der PID-Kritiker – wenn auch auf beklemmende Weise – eher abstrakt.

Schätzungen gehen davon aus, dass pro Jahr 100 bis 200 Paare in Deutschland die PID in Anspruch nehmen würden. Ungefähr ein Viertel von ihnen könnte am Ende ein Kind zur Welt bringen. Davon werden einige schwer behindert sein, was allein auf die künstliche Befruchtung zurückzuführen ist, denn Fehlbildungen scheinen bei Kindern nach einer Befruchtung im Reagenzglas statistisch häufiger vorzukommen. Dass drei von vier Behinderungen sich sowieso nicht – weder durch eine PID noch durch eine Untersuchung im Mutterleib – feststellen lassen, wird oft vergessen.

So erfreulich es einerseits ist, dass die Diskussion um PID gesellschaftlich breit und intensiv geführt wird, so ernüchternd ist andererseits, dass Experten behaupten, diese Debatte befasse sich sowieso nur noch mit dem "Gestern". Einen Embryo auf eine bestimmte Erbkrankheit überprüfen? – Das klingt läppisch angesichts ganz neuer Verfahren. Mitte Januar stellten Forscher einen universellen Test vor, der 448 mögliche genetisch bedingte Leiden auf einmal erkennen kann. Technisch vorstellbar wäre, diesen Test auch an Embryonen durchzuführen.



kfd: Klares Nein

Austausch mit Parlamentariern

Die kfd lehnt jede Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) ab. Ihre Anwendung hätte weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen, die auch aus frauenpolitischer Sicht nicht wünschenswert sein können. Die PID unterziehe menschliches Leben einer Qualitätskontrolle und unterscheide damit letztendlich zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Leben. Es sei zu befürchten, dass eine Zulassung der PID schnell zum gesellschaftlichen und auch zum medizinischen Normalfall wird, heißt es in der Stellungnahme (FuM 01.2011, S. 12).

Gemeinsam mit den Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD) hatte der größte katholische Verband der Bundesrepublik bereits im November für ein uneingeschränktes Verbot der PID plädiert. In Briefen an die Bundeskanzlerin, die zuständigen Ministerinnen und Minister, sowie an die Abgeordneten der beteiligten Bundestagsausschüsse hatten die beiden Verbände für ihre Haltung geworben. 

Im Februar lud die kfd zusammen mit der EFiD und dem Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) die Bundestagsabgeordneten mit demselben Ziel zu einem "Parlamentarischen Frühstück" in Berlin ein. Mehr als 20 Abgeordnete aller Fraktionen, außer der Linken, nahmen das Angebot wahr und begrüßten die Initiative der christlichen Frauenverbände, sie bei ihrer Meinungsbildung im Vorfeld der Abstimmung im Bundestag zu unterstützen, die für den Frühsommer erwartet wird. Fachlich unterstützt durch die Medizinsoziologin Gieselind Berg sowie die Biologin und Ethikerin Sigrid Graumann entspann sich ein engagiertes und intensives Gespräch.

Der Bundesvorstand ruft die Mitglieder der kfd nach wie vor auf, sich für ein Verbot der PID stark zu machen: Durch Schreiben an die Wahlkreis-Abgeordneten oder Sammeln von Unterschriften. Unterstützung dafür findet sich auf der Homepage der kfd (www.kfd.de). NH