Dialog auf Augenhöhe

kfd-Bundesverband bildete Kulturmittlerinnen aus

Von Carmen Molitor


Der vorurteilsfreie Dialog der Religionen und Kulturen in Deutschland braucht Menschen, die Brücken zueinander bauen. Zu solchen Kulturmittlerinnen hat die kfd im Rahmen des zweijährigen Modellprojekts "Grenzen überschreiten – gemeinsam lernen – Integration gestalten" deutsche Frauen und Migrantinnen in drei Lernmodulen ausgebildet. Oberstes Ziel dabei: Begegnungen auf Augenhöhe initiieren. Wie das gelingen kann, zeigt exemplarisch der "Internationale Frauentreff" der Pfarrei St. Elisabeth in Darmstadt.

Mit einem Mal war alles anders. Eben war Lilian Jerez, Mutter von zwei kleinen Kindern, noch eine selbstbewusste Ehefrau und kompetente Sozialarbeiterin gewesen, die sich souverän um Familien und Kinder in den armen Stadtteilen ihrer Heimatstadt Tupiza im südlichen Bolivien kümmerte. Doch vor neun Jahren änderte sich ihre Leben grundlegend. Die Familie zog nach Deutschland, weil ihr Mann an der Universität in Darmstadt Bauingenieurwesen studieren konnte. Eine große wirtschaftliche Chance, die aber insbesondere auf Kosten des bis dahin unabhängigen Lebens Lilian Jerez’ ging: Während ihr Mann studierte, blieb die Bolivianerin bei Tochter und Sohn zuhause. "Als Ehefrau eines ausländischen Studenten durfte ich hier nicht arbeiten", erklärt sie. Ihre eigene Ausbildung erkannte in Deutschland niemand an. Sie solle einfach ganz neu anfangen mit dem Studium, riet man der erfahrenen Sozialarbeiterin. "Aber meine Kinder waren klein, das wollte ich ihnen nicht antun", sagt sie. Ihr Mann machte Karriere, bekam einen Job an der Uni. Lilian Jerez nahm Putzstellen an und konzentrierte sich darauf, für die Familie ein schönes Zuhause aufzubauen.


Deutsch lernte sie kaum, obwohl sie einen Sprachkurs machte. Ihr fehlte schlicht die Übung im Alltag, weil sie kaum Deutsche kannte, sondern nur andere Migrantinnen. Ihr Mann konnte sein Deutsch im Gespräch mit den KollegInnen verbessern, ihre Kinder in der Schule – sie dagegen war im Alltag isoliert. Ihr Mann musste ihr bei manchen Einkäufen helfen, die Kinder dolmetschten beim Arzt. Sie war abhängig von ihnen, konnte den Kindern nicht bei den Schulaufgaben helfen. Aus den Alltagssituationen heraus ergaben sich keine Gespräche mit Einheimischen: "Ich bin hier zur Ausländerin geworden", sagt sie nachdenklich. "Und es gibt viele Vorurteile gegen Migrantinnen. Selbst einen Augenkontakt bekommen wir draußen nicht." Als eine, die schon in ihrem Beruf großen Wert auf einen guten Ausdruck legte, war es ihr zu peinlich, nun zu Fremden in gebrochenem Deutsch zu sprechen. Ein Teufelskreis entstand: "Ich wollte keine Fehler machen – und das war mein großer Fehler", gesteht sie. Eine schwere einsame Zeit für die junge Frau. Sie brauchte nichts dringender, als endlich eine Verbindung zu den Menschen und der Kultur des Landes, in dem sie nun wohnte.


Wer die Frau beim quirligen Grillfest des "Internationalen Frauentreffs" der Pfarrei
St. Elisabeth in Darmstadt beobachtet, kann sich kaum vorstellen, wie tief sie damals im Schneckenhaus gesessen haben muss. Lilian Jerez ist auf ihre freundliche Art ein Dreh- und Angelpunkt der Gruppe, sie hat für die Neuankömmlinge und ihre Kinder ein freundliches Wort, kümmert sich um den Grill, dessen Kohlen partout nicht anglimmen wollen, kontrolliert mit einem Blick das improvisierte Buffet aus internationalen Köstlichkeiten, zu dem jeder Gast etwas beiträgt. Der Kontakt zu dieser Frauengruppe hat für sie die Isolation beendet. "Da gab es Leute, die spanisch sprechen konnten, so wie ich, und die mich verstanden. Aber das wichtigste für mich war, dass es auch deutsche Frauen dort gab und wir durch diese Frauen die deutsche Kultur kennenlernen konnten", erzählt Jerez. Einmal im Monat trafen sie sich, diskutierten Ängste und Sorgen oder machten einfach einen fröhlichen Kaffeeklatsch. Gisela Franzel, die Leiterin der Gruppe, brachte Lilian Jerez auf die Idee, an der kfd-Fortbildung zur Kulturmittlerin teilzunehmen. Die Bolivianerin zögerte, weil sie glaubte, dass ihr Deutsch dafür nicht gut genug wäre. Dann stellte sie sich der Herausforderung: "Als Kulturmittlerin muss ich zwischen den Leuten Brücken bauen", dachte sie sich. Wie wichtig die sind, weiß kaum jemand besser als sie.


Sich Frauen mit Migrationshintergrund und anderer Religionszugehörigkeit stärker zu öffnen und in den Dialog mit ihnen zu treten, das hatte sich die kfd im Positionspapier "Zuwanderung und Integration" auf die Fahnen geschrieben. Ein Resultat dieser Überlegung war das Angebot einer Fortbildung zur Kulturmittlerin, berichtet Heide Mertens, Referentin für Gesellschaftspolitik beim kfd-Bundesverband, die das Projekt gemeinsam mit Maristella Angioni vom Caritasverband für die Stadt Köln leitet. Im Januar 2009 begann der Kurs, am 29. Oktober präsentieren die 28 Teilnehmerinnen auf dem Abschlusstreffen in Mainz öffentlich die 18 Projekte, die daraus entstanden sind.


Das Konzept lehnt sich an das Projekt "Transkulturelles und interreligiöses Lernhaus der Frauen" an. "Der Ansatz ist es, gemeinsam zu lernen", betont Heide Mertens. "Deutsche kfd-Frauen und Migrantinnen sollen dies gleichberechtigt zusammen tun. Die Augenhöhe ist bei diesem Projekt das Entscheidende." Mitgemacht haben Frauen von Flensburg bis Konstanz, zum Teil kamen aus einem Ort eine deutsche kfd-Frau und eine Migrantin gemeinsam.


Die Arbeit trug vielerorts Früchte: Es entstanden Initiativen für internationale Frauengruppen oder ein Austausch zwischen muslimischen und kfd-Frauengruppen; Teilnehmerinnen organisierten einen türkisch-deutschen Vortrag über die vier Frauen, die sowohl in der Bibel als auch im Koran vorkommen, andere bilden zweisprachige Lesepatinnen aus oder bieten einen internationalen Kochkurs an, um nur einige Beispiele zu nennen.


Überall gab es auf die Initiativen Zuspruch – vor allem bei Migrantinnen. kfd-Mitglieder dafür zu gewinnen, erwies sich als schwieriger. "Wir sind viel zu lange blind gewesen und haben auch in den eigenen Gemeinden die Frauen mit Migrationshintergrund nicht gesehen", erläutert Heide Mertens kritisch. "Da ist es schwer, jetzt den ersten Schritt zu machen und zu sagen, wir wollen nicht für euch etwas machen, sondern mit euch gemeinsam." Lilian Jerez leitet seit zwei Jahren mit Gisela Franzel und Angelika Fischer die internationale Frauengruppe in Darmstadt. Ihr Deutsch wird immer besser, und sie hat in der Fortbildung viele neue Impulse für die Treffen bekommen, berichtet sie. Seit Januar trifft sich die Darmstädter Gruppe öfter: Alle 14 Tage kommen zehn bis zwölf Frauen aus dem Iran, der Ukraine, Polen, El Salvador, Peru, Portugal und Bolivien und vier bis fünf Deutsche. Sie sind zwischen 35 und 45 Jahre alt, die meisten Familienmütter, viele gut ausgebildet und in Deutschland doch nur in Aushilfsjobs tätig. Sie sprechen über Riten und Bräuche, Karneval und Trauerkultur, sehen gemeinsam Filme oder feiern – so wie an diesem Tag – fröhliche Feste. Ein kleiner Schritt zu mehr Integration. "Migrantinnen sind verschieden", betont Lilian Jerez. "Sie haben vorher ein Leben gehabt und viele Erfahrungen. Das könnte für uns alle eine Bereicherung sein." Natürlich bergen die Unterschiede auch Probleme, aber Jerez möchte, dass die auf den Tisch kommen.


Dass nicht über Migrantinnen gesprochen wird, sondern mit ihnen, das wünscht sie sich. "Wenn wir uns nicht als Mitmenschen sehen, ist es schwierig neue Brücken zu bauen." Und das möchte sie gerne: Brücken bauen.