Das Fest der Liebe: Die Weihnachtszeit ist für Trauernde besonders schwer

Doris Lindner freut sich auf Weihnachten. In der Adventszeit schmückt sie ihr Haus im hessischen Weiterstadt mit wärmenden Kerzen und Lichtern. "Weihnachten bringt mich Gott näher und so auch meinem Kind", sagt sie. Vor knapp drei Jahren ist Lindners Tochter Julia an einer Lungenembolie gestorben. Sie wurde 28 Jahre alt. Seitdem ist für die Mutter nichts mehr so wie vorher. 

"Es hat sich angefühlt, als würde mir jemand das Herz rausreißen", erzählt Lindner von dem Moment, als ihr die Polizei den Tod ihrer Tochter mitteilte. Der Verlust kam für die Mutter völlig überraschend. Der Schmerz habe sie regelrecht übermannt. "Der Verlust eines Kindes zählt zu den am schwersten zu bewältigenden Trauerfällen", sagt Anette Kersting, Professorin für psychosomatische Medizin am Universitäts-Klinikum Leipzig. Wie Menschen den Tod eines nahen Angehörigen oder Freundes verarbeiteten, sei individuell sehr unterschiedlich. Aber generell gelte: "Auch nach vielen Jahren kann die Trauer bei einem bestimmten Auslöser noch sehr intensiv sein".

Die Trauer akzeptieren

Beispielsweise an Weihnachten, dem "Fest des Rückzugs und der Liebe", träten bei vielen wieder sehr starke Trauergefühle auf, sagt Kersting. Wichtig sei dann, dass die Menschen diese akzeptierten. Schließlich seien die Trauergefühle ein Teil ihrer Bewältigung des Verlusts.

Werner Gutheil ist Leiter des Trauerzentrums Hanau im Bistum Fulda und weiß, wie schwer vielen Trauernden die Advents- und Weihnachtszeit fällt. "Weihnachten ist ein mit Gefühlen besetztes Fest. Deshalb fehlt der geliebte Mensch in dieser Zeit auch besonders", sagt der Seelsorger. Um Trauernde in der Weihnachtszeit zu unterstützen, hat das Zentrum auf seiner Internetseite einen digitalen Adventskalender veröffentlicht, mit Texten, Bibelversen und Bildern. Fragen wie "Wen rufe ich heute an?" sollen ermuntern, sich Unterstützung zu suchen und Freundschaften zu pflegen.

Austausch mit Schicksalsgefährten

Doris Lindner hat in ihrer Trauer auch angefangen, Bücher und Gedichte über den Tod zu lesen. Das erste Vierteljahr nach Julias Tod sei unerträglich gewesen, sagt sie. Schließlich habe ihr eine Nachbarin geraten, zur Trauerseelsorge in Weiterstadt zu gehen. "Ich war so froh über diesen Tipp. Es tut gut, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen", erzählt Lindner. Seitdem trifft sie sich alle drei Wochen mit anderen Eltern verstorbener Kinder. Jeder erzähle von seinen Gedanken, Gefühlen und auch Ängsten. "Anfangs konnte ich gar nicht über Julia reden. Da habe ich eher den anderen zugehört."

So oder so ähnlich verhielten sich auch viele Trauernde im Trauerzentrum Hanau, erzählt Werner Gutheil: "Manche Menschen isolieren sich völlig und manche nehmen die Unterstützung ihrer Mitmenschen an, wie beispielsweise Einladungen oder Besuche. Und wieder andere suchen sich öffentliche Hilfsangebote." Ziel der Trauerarbeit sei es, den Menschen dabei zu helfen, "mit ihrer Wunde zu leben". Diese werde zwar verheilen, aber ihre Spuren hinterlassen, sagt Gutheil.

Pendeln zwischen zwei Polen

Auch die Professorin Anette Kersting beschreibt die Trauerverarbeitung als einen Prozess, der nie endet. Er sei vergleichbar mit einem "Hin- und Herpendeln zwischen zwei Polen". Auf der einen Seite stehe der Verlust eines geliebten Menschen inklusive aller Erinnerungen und dem Trauerschmerz, auf der anderen Seite befänden sich die Gegenwart und die Zukunft des Trauernden - also die Frage: "Wie geht mein Leben weiter?"

"Je näher der Verlust noch ist, desto mehr Raum nehmen die Gedanken an den Verstorbenen ein. Später tritt die zukunftsorientierte Phase stärker in den Vordergrund", sagt Kersting. Wie lange die Verarbeitung eines Todesfalls dauere, das sei bei jedem Menschen unterschiedlich.

Doris Lindner fiel das erste Weihnachtsfest nach Julias Tod besonders schwer: "Das war sehr belastend. Da habe ich auch nicht geschmückt." Inzwischen habe sie aber wieder Gefallen an dem Fest gefunden. Wichtig sei ihr der Besuch eines Gottesdienstes an Heiligabend. "Da sind alle so liebevoll zueinander. Weihnachten macht die Menschen einfach ein bisschen menschlicher", sagt sie. 

Quelle: Evangelischer Pressedienst/Luisa Heß