Todkranke Kinder trauern anders als Erwachsene

Ein verendetes Tier am Straßenrand, Tod in der Nachbarschaft, im Fernsehen – all das gehört zum Lebensalltag, auch für Kinder. „Konkreter Tod“ mache sprachlos, meint der Klinikseelsorger Ulrich Laws. An der katholischen Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln bietet er Betroffenen und ihren Familien seine Begleitung an. Pfarrer Laws möchte sterbenden und gestorbenen Kindern eine Stimme geben, sagte er auf einer Tagung in Münster.

„Ihr Kind ist unheilbar krank.“ Diese Nachricht stürze Eltern in ein Chaos der Gefühle und tiefe Trauer. Doch auch todkranke und sterbende Kinder trauerten: um den Verlust des Lebens und der Zukunft. Kinder seien in der Lage, den Verlust zuzulassen und den Schmerz darüber auszuhalten – und intensiv zu leben. Mit letzten Wünschen wie: Fußball spielen, noch einmal zur Schule gehen.

Laws plädiert dafür, todkranke Kinder nicht auszugrenzen und ihnen so viel Normalität wie möglich zu geben. Kinder wüssten klar, „was ihr Thema ist“. Vielleicht wollten sie wissen, „wie das mit dem Sterben ist“. Dann sollten Erwachsene „nicht alles schönreden“, sondern den Kindern Hoffnungsbilder geben. Und dem sterbenden Kind mitteilen, was bedeutsam ist, zum Beispiel: „Du bist für mich/uns wichtig und wirst es immer bleiben. Wenn Du gehen willst, darfst Du gehen. Erlaube mir/uns, traurig zu sein.“

Laws fordert, die Botschaften Sterbender zu hören und ihre Signale wahrzunehmen. Die Frage eines Kindes „Warum lässt Gott Kinder und Tiere sterben?“ bedeute „Kann ich mich auf Gott verlassen? Kann oder will Gott nichts für mich tun? Was passiert mit mir, wenn ich sterbe?“ Bei solchen „Fragen des Lebens“ sollten Menschen den Kindern auf Augenhöhe begegnen, sich öffnen für Hilflosigkeit, Wut oder Ohnmacht.

Allerdings dürften Begleitende nicht ihre eigenen Ängste oder Hoffnungen in die Kranken projizieren. „Und Sie brauchen nicht selbst gläubig zu sein. Aber Sie müssen authentisch sein, denn Sie haben bei Kindern und Jugendlichen nur eine Chance, keine zweite.“ Laws hat die Erfahrung gemacht, dass sich dann bei Kindern oft das Gottesbild ändere und Hoffnung auf ein "Mehr" nach dem Leben entstünde.

Die Begegnung mit dem Tod sei ein „Erleben von Inkongruenz“. Die Aufgabe von Menschen sei es, den Tod als natürlichen Teil des Lebens zu begreifen. Die Beschäftigung mit dem Tod sei Beschäftigung mit dem Leben. „Aber vergessen Sie erst mal das Wort ‚loslassen’“, riet Laws, „das Zulassen des Todes ist schmerzhaft genug.“ Sein Credo: „In der Annahme der Endlichkeit dem Leben begegnen.“ Das habe er von sterbenden Kindern gelernt.

Ursula Schmees

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Initiates file download"Josef stirbt bald": Wie Kindergartenkinder mit dem Tod umgehen (PDF-Dokument, 42 KB)

Opens external link in new windowFilmtipp: "Seelenvögel" - ein Dokumentarfilm (Grimme-Preis 2013) über todkranke Kinder und Jugendliche.